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… damit diese Seite beschrieben würde … (III) April 25, 2008

Filed under: kurzgeschichten — cf @ 9:43 pm

Der Abend mit Felix war ausgelassen. Sie hatte lange nicht mehr so intensiv gearbeitet und so viel dabei gelacht. Nur erwähnte sie irgendwann ihre Übelkeit. Vielleicht hätte sie das besser nicht getan. Felix sah sie besorgt an. „Bist du vielleicht schwanger?“ Sie zuckte zusammen. „Nein, nein. Ganz ausgeschlossen.“ Schwanger? Wieder verschwamm ihr die Grenze zu ihren Träumen. Ihr war plötzlich kalt, und sie zitterte leicht. Felix bemerkte es und nahm sie in den Arm. Sie beruhigte sich und entschlüpfte ihm. Es war nur, dass ihr alles außer Kontrolle geriet und sie nichts mehr verstand. Sie fand sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht. Das erklärte sie Felix und hatte dabei wieder ganz strahlende Augen und die Kraft von vorhin.

Als sie abends im Bett lag, konnte sie lange nicht schlafen. Das ging auch die nächsten Nächte so. Bis sie in einer Nacht schließlich aufstand und Felix anrief. Sie entschuldigte sich umständlich für die Uhrzeit und fragte ihn dann, ob er das ernst gemeint habe. Ob die Übelkeit vielleicht tatsächlich mit einer Schwangerschaft zusammenhängen könne. Felix war Vater von einem kleinen Sohn, und seine Frau war gerade zum zweiten Mal schwanger, er musste also Bescheid wissen.

„Willst du nicht einen Test machen?“

„Nein, nein, bitte nicht!“ hörte sie sich sagen und weinte schon wieder plötzlich und hemmungslos. Sie wusste nicht so genau, warum sie das jetzt gesagt hatte, und setzte hinzu, dass sie einfach nicht mehr weiterwisse. „Soll ich vorbeikommen?“ „Nein, ist schon gut. Ich werde ihn morgen machen, diesen Test.“ Sie ging wieder ins Bett und lag noch lange wach.

Sie war tatsächlich schwanger. Eine Woche später wusste sie es sicher. Sie weinte jetzt ununterbrochen, hatte angefangen, R heftig zu vermissen, hatte aufgehört, sich dagegen zu wehren, und wollte um so weniger, dass er etwas davon erfuhr. Als sie einmal der Julia begegnete, war sie zum Glück gerade mit Felix unterwegs und lachte ausnahmsweise aus ganzer Seele. „Komm doch mal wieder vorbei.“ Wusste die Julia irgendetwas, oder bildete sie sich nur ein, dass sie verwundert schien über ihre gute Laune.

„Keine Zeit im Moment. Ich arbeite.“ Sie ließ die Julia stehen, hakte sich bei Felix unter und musste hinter der nächsten Straßenecke schon wieder hemmungslos weinen. „Felix, ich will das Kind nicht. Es ist eine Unmöglichkeit. Verstehst du das? Ich ertrage es nicht.“

Einmal saß sie bei Felix und seiner Frau in der Küche. Die beiden hatten aufgehört, sie überzeugen zu wollen, dass sie das Kind behalten müsse um jeden Preis, weil das Kind doch viel mehr sei als nur ein Vermächtnis. Sie hatte gar nicht zugehört. Lange schon hatte sie nur noch da gesessen, ganz still, und nichts mehr gehört. Irgendwann stellte Felix’ Frau sich neben sie und strich ihr über den Arm. „Wenn du willst, komme ich mit. Kennst du einen Arzt?“ Sie schüttelte den Kopf, und Felix’ Frau holte das Telefonbuch.

Es war die Entscheidung eines winzigen Moments. Sie hätte auch anders ausfallen können, wenn sie nicht an diesem Namen hängen geblieben wäre und nicht plötzlich wieder die Wut da gewesen wäre und ihr Lachen. Sie spürte wieder diese Kraft und diese Leichtigkeit und hatte schon den Finger unter den Namen gelegt, hatte schon einen Stift in ihrer Tasche gefunden und ihren Kalender aufgeschlagen. „Hier. Den kenne ich. Der ist gut. – Und du brauchst nicht mitzukommen. Das ist sehr nett von dir, aber ich glaube, ich gehe lieber alleine.“ Felix’ Frau strich ihr noch einmal über den Arm. „Wenn du mich doch brauchen solltest, ruf mich jederzeit an.“

Aber sie brauchte Felix’ Frau tatsächlich nicht. Es war ganz leicht den Termin zu machen. Und ein paar Tage später saß sie schon im Wartezimmer und konnte an nichts anderes denken als daran, wie er wohl aussah. Ob er auch dunkle Haare hatte, ob er klein oder groß war und wie alt. Als er schließlich vor ihr stand, war sie enttäuscht. Er hatte eins von den Gesichtern, die man sofort vergisst. „Weshalb kommen Sie zu mir?“

Sie hatte ihn unverwandt angestarrt, bisher aber noch nichts gesagt. Er schien ungeduldig zu werden, setzte sich schon zum zweiten Mal in seinem Stuhl zurecht. Schließlich musste sie gesprochen haben, denn er war aufgesprungen. „Das mache ich nicht. Gehen Sie! Ich mache keine Abtreibungen. Da sind Sie an der falschen Adresse.“

Nie hatte sie etwas so bestimmt gewollt. Sie hatte daher vorher gar nicht darüber nachgedacht, dass er ablehnen könnte. „Aber ich will es, und Sie müssen das verstehen. Ich zahle Ihnen alles dafür …“ Und weil er schwieg und keine Miene bewegte, konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Mit ihren Tränen brach jäh ein Schweigen aus. Etwas geriet ins Stocken. „Verzeihen Sie …“

Sie weinte nicht lange, fasste sich wieder, nahm wortlos ihre Tasche und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Er hatte es nicht verstanden. Sie hatte es ausmerzen wollen. Ausmerzen, das war es. Sie hatte sich erhofft, dass er ihr dabei helfen würde. Warum sie sich das von einem Mann erhofft hatte, den sie persönlich nie kennen gelernt hatte, wusste sie nicht. Sie hatte die ganze Zeit über daran denken müssen, dass er Prokofjew über alles liebte. Das hatte R ihr erzählt.

Jetzt stand sie auf der Straße und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, es gab plötzlich keinen Weg mehr. Ihr Bauch war ihr zur unerträglichen Last geworden, und sie merkte an dem Blick eines Passanten, dass sie wieder weinte. Sie entschied sich wahllos für eine Richtung und lief lange mit ihrer Last durch die Straßen.

Die nächsten Tage verbrachte sie im Bett, schlief oder starrte gegen die Decke, ging nicht ans Telefon, aß nichts. Den ersten Tag über dachte sie noch daran, das Kind anderswo loszuwerden und Felix und seine Frau anzurufen, aber sie fühlte sich zu schwach, um den weiten Weg bis zum Telefon zu finden. Am zweiten Tag überlegte sie, was passieren würde, wenn sie einfach immer so liegen bliebe, ohne sich je wieder zu rühren, das Gesicht weggewandt vom Spiegel. Am dritten Tag hörte sie auf zu denken, und am vierten machte sie erste Anstalten, in einen normalen Alltag zurückzukehren.

Sie hatte sich nicht für das Kind entschieden, sie hatte die Entscheidung hinausgeschoben. So weit hinaus, dass es zu spät sein würde sich noch einmal umzuentscheiden. Sie versuchte das zu ignorieren. Aber das Kind fing an, mit ihr in dieser Sprache zu sprechen, die es auch in ihrem Traum mit ihr gesprochen hatte. Sie hielt sich die Ohren zu. Nur machte das keinen Sinn, weil die Stimme innen war.

Einmal ertappte sie sich dabei, wie sie neben dem Telefon saß, als wartete sie auf etwas. Sie blieb lange einfach so dasitzen, rührte sich nicht und schlief schließlich ein. Als sie aufwachte, lag sie neben dem Telefon mit der Hand auf ihrem Bauch, und sie erschrak, weil sie sich an der kleinen Wölbung festgehalten hatte, die dort jetzt war.

Von da an ertappte sie sich immer öfter mit der Hand am Bauch. Sie ertappte sich dabei, wie sie über die Wölbung strich oder wie sie sich der Stimme von innen für einen Moment hingab, ihr sogar antwortete. Schließlich ging es so weit, dass sie anfing zu singen, wenn sie alleine war, oder Geschichten zu erzählen, als sei noch jemand im Raum. Es kam vor, dass sie Verabredungen und Einladungen darüber vergaß.

Einmal traf sie die Julia. Da war sie gerade vor einer Auslage im Schaufenster eines Kinderbekleidungsgeschäfts stehen geblieben. Die Julia hatte zum Glück nichts bemerkt, war zu beschäftigt damit, sie zu überschütten mit Neuigkeiten. „Meine letzte Julia ist ein so großer Erfolg mittlerweile – hast du schon gehört? Es wird zusätzliche Vorstellungen geben. Das Publikum liebt mich! Und ich komme gar nicht mehr dazu, meine eigenen Partys zu machen, weil ich dauernd woanders eingeladen bin …“ Die Julia hörte gar nicht mehr auf zu reden, sah übernächtigt aus, und ihr Lächeln hatte gelitten unter ihrem Erfolg. Während die Julia redete, fragte sie sich, wie das ging, dass eine Erfolg haben konnte mit einem Lächeln, das daran verloren ging, und trotzdem blühte der Erfolg weiter. Sie war weitergegangen, hatte, ohne es zu bemerken, die Julia stehen lassen. Das Kind hatte angefangen mit ihr zu sprechen. Mittlerweile verstummte für sie alles andere, sobald das Kind anfing mit ihr zu sprechen in dieser fremden und einfachen Sprache ohne Klang.

Sie hatte einmal Felix’ Frau danach gefragt. Die hatte gelacht und gesagt, nein, das hätte sie so nicht erlebt, aber sie sei auch nie so empfindlich gewesen in ihrer Wahrnehmung. Die Proben waren ein Traum, aber sie geriet nicht außer sich darüber, freute sich ganz einfach und machte weiter.

Ihr war das Foto, das sie vor Rs Augen zerrissen und in den Papierkorb geworfen hatte, wieder in die Hände gefallen. Sie hatte den Papierkorb im Vorbeigehen umgestoßen, und da lag zwischen anderen Papieren die eine Hälfte vor ihren Füßen. Sie suchte nach der anderen Hälfte und machte sich daran, das Foto wieder zusammenzukleben. Es gelang, aber der Riss blieb sichtbar, und das Lachen auf dem Foto hatte jetzt einen Knick. Ihr gefiel es besser so. Mit dem feinen Knick sah das Lachen verwundert aus.

Eines Nachts wachte sie auf mit Schmerzen. Sie rief Felix an und seine Frau, die sofort bei ihr vorbeikamen. Da hatte sie das Kind schon verloren.

Erst Monate später traf sie R wieder. Sie wunderte sich selbst, dass sie ihm nicht früher schon begegnet war. Und sie wunderte sich, dass sie irgendwann aufgehört hatte, das festzustellen. Jetzt war es schon so lange her, dass sie zum letzten Mal daran gedacht hatte. Er hielt ihr ein paar Worte hin, unsicher. Sie nahm sie und gab andere zurück, die sich beliebig einfanden, während sie mit den Gedanken anderswo war. Er erwähnte die Julia und grinste unsicher dabei, halb glücklich, halb schuldig und gar nicht geheimnisvoll. Es berührte sie nicht. Während ihr Mund weiter Worte formte, folgte sie einer dumpfen Erinnerung an eine andere Sprache, die sie eine Zeitlang gesprochen hatte und die alle übrigen Sprachen daneben so unbeholfen erscheinen ließ. Sie fragte R nach der Prüfung. „Nicht bestanden.“ Auch seine Antwort war ein hilfloser Satz. Er geisterte ihr noch eine Weile im Kopf herum: „Nicht bestanden.“

Schließlich ging sie, und schon im gleichen Moment wusste sie nicht mehr, ob sie sich tatsächlich mit R unterhalten hatte oder nicht. Sie spürte, dass er sich noch einmal nach ihr umsah, aber sie ließ seinen Blick an ihrem Rücken abgleiten, zu müde, um sich selbst noch einmal zurückzuwenden. ‚Worte, eine Begegnung am Kreuzweg, drei durcheinandergehende Erinnerungen, ein Traum …’ Es regte sich nichts mehr. Fast nichts.

 

 

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