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… damit diese Seite beschrieben würde … (II) April 25, 2008

Filed under: kurzgeschichten — cf @ 9:43 pm

Irgendwann bemühte sie sich auch wieder um Vorsprechen an verschiedenen Theatern. Sie machte das wie nebenbei, nahm es ernst, aber nicht wichtiger als alles andere in diesen Tagen. Ihr Publikum waren nicht Regisseur oder Intendant, ihr Publikum war R, dem sie abends alles haarklein erzählte und für den sie dort auf der Bühne stand und spielte. Und R bewunderte sie.

Nach ein paar Wochen sagte R, er könne sie jetzt nicht mehr jeden Tag sehen, er habe demnächst eine Prüfung, die er dieses Mal unbedingt bestehen müsse. Es machte ihr nichts, sie sahen sich immer noch oft, und dass er sich in seiner Zuneigung ein bisschen zurücknahm, schob sie auf die Prüfung. Immer noch tanzte sie durch ihre und seine Wohnung und gefiel sich in jeder Rolle gut. Schließlich bot man ihr die Miranda aus dem Sturm an. Das Angebot kam von einem Haus in der Nähe, sie konnte abends in ihre Stadt zurückfahren, und sie sagte Ja. Sie stürzte sich in die Arbeit, begeistert, und erzählte R davon, der sich freute und endlich einmal wieder lächelte.

Ihr war gar nicht aufgefallen, dass R nicht mehr lachte, dass er schweigsamer geworden war und ihr keine Komplimente mehr machte. Er musste ja lernen für seine Prüfung, und sie versuchte ihn zu unterstützen, indem sie ihn immer öfter in Ruhe ließ, auch wenn sie manchmal noch nebeneinander einschliefen. Sie gingen immer seltener zu den Julia-Partys, und auch das fiel ihr zunächst gar nicht auf, denn richtig erwärmen konnte sie sich auch dann nicht für die Julia, nachdem R ihr gesagt hatte, sie sei eine langjährige Bekannte von ihm.

Sie sah weniger von R und träumte mehr von ihm. Oft ging sie abends früher ins Bett, nur um noch eine Weile vor dem Einschlafen wach liegen zu können und sich in Träume hinein zu phantasieren, die sich dann im Schlaf fortsetzten. Wenn ihr ein Traum besonders gut gefallen hatte, nahm sie ihn am nächsten Abend wieder auf und träumte ihn weiter. R erzählte sie nichts von diesen Fortsetzungsträumen.

Einmal träumte sie davon schwanger zu sein. Von heute auf morgen hatte sie einen kugelrunden Bauch. Mit dem stand sie vor ihrem Schlafzimmerspiegel, als die Tür aufging und R hereinkam. Sie hatte ein ganz warmes Gefühl, und es kam ihr so vor, als würde das Kind mit ihr sprechen in einer Sprache, die nur aus Ahnungen und Empfindungen bestand. Und sie antwortete ihm. R allerdings verhielt sich merkwürdig. Er war ins Zimmer gekommen, um sich auf das Bett zu legen. Dort lag er regungslos. Und dann sagte er einen einzigen Satz: „Ich muss nicht bestehen.“ Diesen Satz wiederholte er mehrmals, immer lauter, bis er sich von seinem reglos auf dem Bett liegenden Körper löste und als anschwellendes Echo durch den Raum sprang, immer ohrenbetäubender. Sie wachte auf von dem Geräusch des Presslufthammers vor ihrem Fenster. Die Bauarbeiter hatten ihre Arbeit von gestern wieder aufgenommen.

Sie vergaß den Traum. Er fiel ihr erst am Tag darauf wieder ein, während R neben ihr auf dem Bett lag. Er lag mit dem Gesicht zur Wand. Sie stand vor dem Schlafzimmerspiegel und sah zu ihm hin. Da war die Erinnerung an den Traum ganz plötzlich und jäh wieder da. Instinktiv hielt sie sich die Ohren zu und fast hätte sie geschrieen. Aber R rührte sich nicht, und auch der Presslufthammer war nicht zu hören. Es war Mittag, und die Arbeiter machten gerade ihre Pause.

Und dann weinte sie und konnte nicht mehr aufhören und wusste nicht, was mit ihr los war. Sie rannte aus dem Zimmer, schnappte sich ihren Miranda-Text, warf ihn in ihre Tasche und lief aus dem Haus in Richtung des nächstgelegenen Parks, lief und lief, bis sie dort atemlos ankam, und hielt erst inne vor einer Bank. Sie setzte sich.

Sie rang noch nach Luft, als sie längst den Text auf ihren Knien liegen hatte und ihn anstarrte, ohne ihn zu verstehen. ‚… ich will mir wehtun! und in die Wunde greifen und sie aufreißen wie einen blutenden Mund.’ Sie starrte den Text an, bis sie bemerkte, dass da zwar eine Miranda vor ihr lag, aber nicht die von Shakespeare. In der Eile hatte sie nach dem Weißen Fächer gegriffen. Ihr war auf einmal übel, vielleicht war sie zu schnell gelaufen. Sie musste sich übergeben, schaffte es gerade noch bis zum Gebüsch und war dankbar dafür, dass niemand sie beobachtete. Schließlich saß sie wieder erschöpft auf der Bank und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Nur schnell wieder nach Hause, dachte sie, konnte sich aber nicht bewegen, war plötzlich so schwach. ,An diesen rächt sich das Dasein, so wie es sich immer rächt …’

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Neben ihr stand plötzlich eine alte Frau, sah sie besorgt an. „Sie sind so blass. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Sie schüttelte den Kopf, lächelte die Frau an, hatte noch die Kraft zu sagen: „Das ist nett, danke.“ Dann wurde ihr schwindelig, und sie schloss die Augen. ‚… und erdrückt einen kleinen Vogel oder bricht ein welkes Blatt vom Baum …’ Der Boden zog sich unter ihren Füßen zurück. Sie konnte nichts dagegen tun. Als sie die Augen wieder aufmachte, stand die Frau immer noch da. „Sie sollten nach Hause gehen. Ich begleite Sie ein Stück, wenn Sie wollen.“


Die Frau begleitete sie bis vor ihre Tür, ging dabei selbst am Stock und sehr langsam, aber dieses langsame Tempo war gerade richtig. Die alte Frau fragte nichts mehr, konzentrierte sich auf ihre Schritte und hielt ihren Arm so, als dürfe man sich im Notfall darauf stützen. An der Tür sagte sie: „Jetzt machen Sie aber, dass Sie ins Bett kommen!“ Dann ging sie an ihrem Stock die ganze lange Straße wieder hinunter, die sie zusammen heraufgekommen waren, ohne sich noch einmal umzusehen.

R war nicht mehr da. Sie vermutete ihn in der Bibliothek, war zu müde, darüber nachzudenken, legte sich gleich auf das Bett, den Blick weggewandt vom Schlafzimmerspiegel, und schloss die Augen. Draußen hatte wieder der Lärm angefangen. ‘Du machst dich schuldig, auf eine geheime Weise schuldig.’ Sie stellte fest, dass sie R vermisste, stellte sich vor, dass er neben ihr läge, griff nach seiner Hand und fand nur das Kissen, das sie festhielt, umklammert wie ein kleines Kind. So schlief sie ein.

„Ich tue dir unrecht.“ R ist nur wiedergekommen, um ihr zu sagen, dass er geht. Er hat sie geweckt und ihr über das Haar gestrichen mit einer fremden Hand. Sie macht die Augen gleich wieder zu. Warum gehorchen die Träume ihr nicht mehr. Warum fangen sie an, ihr weh zu tun. Sie möchte diesen missratenen Traum noch einmal zurückspulen. Es gelingt nicht, er läuft weiter. Sie hört, wie R seine riesige Tasche aus ihrem Schrank holt und alles hineinpackt, was sich von seinen Sachen in ihrer Wohnung angesammelt hat. Sie kneift immer noch die Augen zusammen, konzentriert auf das Zurückspulen des Traums, das nicht funktionieren will. Draußen der Presslufthammer. Ihr wird wieder übel, sie läuft ins Bad und stößt im Flur mit R zusammen, der sie besorgt ansieht. „Was ist mit dir?“ Sie antwortet nicht, wirft die Badezimmertür zu, muss sich wieder übergeben und bleibt lange im Bad auf den Knien vor der Kloschüssel sitzen, wieder schweißüberströmt. Das ist doch nur ein Traum, warum hört er denn nicht auf. Wenn wenigstens jemand da wäre, der sie jetzt an die Hand nehmen, ihr wieder aufhelfen könnte, der sie an R vorbei aus dieser Wohnung führen würde. ,Geh, geh, du wirst erst lernen es liebhaben.’ Sie hörte das Telefon klingeln, und sprang auf, wusch sich in aller Eile das Gesicht.

Es war Felix, ihr Kollege, ihr Ferdinand, der sie fragte, ob sie die eine Passage noch einmal durchsprechen könnten. „Hast du Zeit?“ Ja, ja, sie hatte Zeit. Gleich jetzt hatte sie Zeit. Nur eine Kleinigkeit habe sie noch zu erledigen, aber das sei schnell getan.

R legte ihr ein Foto von ihr hin. „Willst du das wiederhaben, oder kann ich es behalten?“ Auf einmal war alles weg, die Übelkeit, die Schwäche, der Traum. Sie schnappte sich das Foto, riss es in der Mitte durch, warf es in den Papierkorb und stierte ihn dabei unverwandt an. Kein Wort brachte sie heraus, starrte ihn nur an, und es schien ihr, als duckte R sich ein wenig unter ihrem Blick. Schließlich sagte sie: „Kannst du nicht schneller packen? Ich bekomme gleich Besuch.“

Dann ging sie zurück zum Telefon, wählte eine Nummer nach der anderen und erwischte ein oder zwei Freundinnen, die sie lange nicht gesprochen hatte. Sie erzählte ihnen von ihrer neuen Rolle und von ihrem Ferdinand. Sie verabredete sich mit der einen oder anderen und schien jetzt äußerst gut gelaunt, fühlte sich leicht wie lange nicht mehr und frei wie in der allerersten Zeit mit R.

R war verärgert. Aber an der Tür trug sie einen Moment lang Wasser in den Augen, weil ihr einfiel, wie R zum ersten Mal durch diese Tür hereingekommen war. Da hatte er auf einmal viele Sätze für sie, mehr als er je gehabt hatte. Dass es ihm Leid tue und mindestens genauso schwer falle wie ihr, aber er könne nun einmal nichts daran ändern, das sei alles.

Ihr verging das Wasser gleich wieder, und am liebsten hätte sie ihn hinausgeschoben. Als er endlich weg war und die Tür hinter ihm zu, machte sie drei Kreuze, lief zum Spiegel, zupfte sich zurecht, schminkte nach, wo die Schminke gelitten hatte, und setzte Teewasser auf. Jetzt wartete sie auf Felix, hatte schon ihren Text zur Hand und war ganz vergnügt.

 

 

 

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