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Lesung beim Bücherbummel auf der Kö Juni 4, 2009

Filed under: aktuelles — cf @ 5:38 pm

Die Lesung findet statt am 12. Juni um 16 Uhr im zakk-Lesezelt, Ecke Grünstraße, Stand Nr. 48

Der Gesang der Sirene (Auszug)

Seit dir geht die Zeit andere Wege. Sie zieht Kreise, läuft nicht mehr fort. Ich kann sie anhalten für einen Moment, wie einen Atemzug. Dann puste ich dir den Atem ins Gesicht, und du hältst die Luft an, machst große Augen und lachst. Dein zahnloses Lächeln. Über ein ganzes Gesicht. Das Spiel wiederholen wir so lange, bis du den Blick abwendest oder nicht mehr lachst. Einen Zeitkreis entlang läuft unser Spiel.

Natürlich werden wir älter. Deine Geschwindigkeit ist größer dabei als meine. Aber die Zeit spielt hier nur eine Rolle, wenn jemand danach fragt: „Wie alt ist er jetzt?“ Ich überlege und zähle die Stunden, endlose Stunden zwischen deinem Hunger, dem Getragenwerden, Spaziergängen, Klageliedern und bei deinen Fischen über dem Wickeltisch. Dein von uns bewachter Schlaf, die Spiele. Während du kleine Speckringe anlegst an Beinen und Armen, dreht die Zeit einen Ring um mich herum. Jetzt bin ich Mutter, ein Generationenwechsel im eigenen Leben. Nicht mehr nur Kind. Nichts Ungewöhnliches ist daran. Es ist der Lauf der Dinge. Ich aber trage diesen Ring wie das wertvollste Stück meines Schmuckes. Es ist nichts Ungewöhnliches daran aber etwas Besonderes. Das Besondere bist du. Auch das: natürlich.

In Zahlen ausgedrückt, bist du drei Monate alt. Wenn man die Tage nicht zählt, die du in meinem Bauch verbracht hast. Zählt man sie dazu, bist du zwölf. Das sind die Fakten. Die kann ich jederzeit schwarz auf weiß vorlegen. Ich kann deine Maße nennen: Körpergröße, Kopfumfang, Gewicht. Vielleicht ließe sich schon eine Schuhgröße ermitteln. Gibt es Handgrößen? Deine Hände nämlich sind groß. Sie greifen schon ein bisschen nach dem Leben. Nach allem, was sich darin bewegt.

In diesen Tagen und Wochen, die wir verbringen außerhalb des Zeitenlaufs, mischt sich ein Gesang dazwischen, ein Sirenenlied. Es kommt von weit und ist immer noch nicht zu Ende gesungen. Warum bloß war ich es, die es immer wieder hörte, wie einen Ruf. „Nur einmal. Komm.“ Die ihn immer noch hört, den beinahe verstummten. Dann wenn plötzlich die Angst kommt, du könntest einmal aussetzen in unserem Spiel. Dein Atem könnte stocken. Es könnte vorbei sein, das Wunder.

 

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