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Kältere Tage April 7, 2015

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 9:32 pm

 

An dem Tag, an dem Peter Sofie begegnete, schien die Sonne sehr hell. Der ganze März war schon warm gewesen, aber dieser Tag war klarer als die anderen. In Peters Büro hatte sich die Sonne in jeden Winkel gelegt. Unübersehbar in ihrer hellen und starken Präsenz überstrahlte sie jede Trübung des Wetters.

Im Kalender begann der Frühling, und Peter blickte auf eine lange, glückliche Zeit zurück. Nach einer Gehaltserhöhung verdiente er mehr als je zuvor, seine Arbeit war zugleich entspannter geworden. Sein Sohn ging seit dem neuen Jahr in die Kita, und seine Frau stieg so langsam in ihren Job wieder ein, dass sie noch genügend Zeit und Aufmerksamkeit für ihn übrig hatte. Sie gingen zusammen aus und waren sich so nah wie zuletzt in der Zeit ihrer Schwangerschaft.

Peter erledigte seine Arbeit mechanisch, aber nicht freudlos: Anrufe, Emails, Berechnungen, Internetrecherche. Zwischendrin ein kurzer Anruf bei seiner Frau. Nur ein paar Worte von Büro zu Büro. Er sah sie durch die Leitung lächeln. Das genügte ihm. Danach trug er ihr Lächeln durch den Rest des Tages.

In seiner Vormittagspause in der Kaffeeküche traf Peter zum ersten Mal auf Sofie. Sie sah ihn schüchtern an. Er streckte ihr die Hand hin: „Guten Tag, ich bin Peter. Sind Sie eine neue Kollegin?“

Sofie schüttelte den Kopf. Nein, ich hospitiere nur für den Tag …“

Lisa, die am Empfang arbeitete, kam herein und unterbrach sie. Im Handumdrehen machte sie die beiden miteinander bekannt und gleich darauf verschwand sie mit Sofie.

Während Peter weiter an seinen Zahlen arbeitete, trübte sich langsam sein Blick. Den ganzen gestrigen Tag war im Büro schon von nichts anderem als der Sonnenfinsternis die Rede gewesen. Da er sich nicht rechtzeitig um eine entsprechende Brille gekümmert hatte, blieb er an seinem Arbeitsplatz und arbeitete weiter, während die Kollegen sich auf dem engen Balkon sammelten. Er rückte ein wenig näher an den Bildschirm seines Computers. Ein bisschen fröstelte es ihn, aber es war nicht kälter geworden. Die schleichenden Veränderungen im Raum erschienen ihm unwirklich. Obwohl er wusste, dass sich draußen der Mond vor die Sonne schob, schien es ihm, als seien es seine Augen, die nachgaben. Der Himmel war wolkenlos, und die Sonne strahlte unvermindert klar in die Winkel des Büros.

Peter warf einen Blick auf das Bild seiner Frau und auf das Bild daneben, das sie mit seinem Sohn auf dem Schoß zeigte. Er suchte vergeblich nach Schatten auf den Fotos, die ihm erklärt hätten, warum die Bilder nun blass und unecht wirkten. Er versuchte sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit hielt ihn davon ab. Er fand keine rechte Orientierung in der veränderten Situation. Das Licht war nicht vergleichbar mit vorüberziehenden Wolken oder der Abenddämmerung. Es war, als würde seine Sehkraft ihn ganz allmählich verlassen.

Auch als sich langsam die eigentlichen Lichtverhältnisse wiederherstellten, kam es Peter so vor, als sei etwas von der Trübung zurückgeblieben. Er beschloss, früh in die Mittagspause zu gehen, und hoffte, danach wieder konzentrierter arbeiten zu können.

Auf der Treppe begegnete er Sofie. „Gehen Sie auch in die Mittagspause? Wollen Sie mich begleiten?“

Sofie sah sich um, als wartete sie auf Lisa, zuckte dann mit den Schultern und nickte. „Warum nicht“, sagte sie leise, offenbar immer noch schüchtern.

Das Essen verlief unspektakulär. Peter stellte fest, dass er sich mehr erhofft hatte. Außerdem stellte er verwundert fest, dass Sofie irgendetwas an sich hatte, das ihn interessierte. Sie war weder besonders schön, noch in anderer Weise auffallend, und er konnte sich dieses Interesse an ihr, nicht erklären. Das Gespräch, das er immer wieder aufgriff, geriet mehrmals ins Stocken. Sofie antwortete auf seine Fragen nur leise, kurz und und zögerlich. Am Ende schien es ihm, als sei sie froh, sich von ihm verabschieden zu können.

Ich muss noch eine Besorgung für Lisa machen“, entschuldigte sie sich, und Peter sah ihr nach, sah die schmale Frau mit den leicht eingezogenen Schultern, wie sie mit hastigen Schritten davonging. Ihre langen, glatten Haare tanzten kaum merklich über ihrem grauen Mantel, von dessen Farbe sie sich kaum abhoben.

Am nächsten Tag war es unverhofft kalt. Im Radio hieß es, dass es an manchen Orten geschneit hätte. Die Kälte hielt sich über das Wochenende und auch am Montag zog Peter den Mantel enger zusammen, während er wie gewohnt zwei Ubahntreppen auf einmal nahm. Oben angelangt wäre er fast in Sofie hineingestolpert, die noch schnell über die grüne Ampel laufen wollte, ehe sie umsprang.

Ich habe gestern etwas liegen lassen“, sagte sie fast entschuldigend und während sie davonlief.

In diesem Moment übernahm in Peter etwas anderes als sein Verstand die Regie. Ein innerer Plan, dessen Inhalt ihm selbst nicht bekannt war, trieb ihn nun an. Er wartete ab, bis Sofie ihn nicht mehr sehen konnte und folgte ihr mit ausreichendem Abstand. Gleichzeitig fischte er nach seinem Telefon in der Jackentasche und rief Lisa an. Sie solle seinem Chef bitte ausrichten, dass er einen Anruf von der Kita bekommen habe. Sein Sohn müsse abgeholt werden, und seine Frau sei nicht zu erreichen gewesen. Er würde sich später noch einmal melden.

Peter machte sich auf einen langen Weg gefasst, aber zu seinem Erstaunen schien Sofie nur wenige Straßen entfernt zu wohnen. Vor einem unrenovierten Haus blieb sie stehen und holte einen Schlüssel aus ihrer Tasche. Schräg gegenüber lag ein Café. Er bestellte sich ein Frühstück, nahm sich eine Zeitung und setzte sich ans Fenster. Wenn ich Pech habe, kommt sie nicht mehr aus dem Haus, ging es ihm durch den Kopf. Aber seine Gedanken waren nur Beiwerk, und er ließ sie ungehört ziehen.

Nach einer halben Stunde ging die Tür zum Hof auf. Sofie kam mit einem Fahrrad heraus. Hastig legte er das nötige Geld auf den Tisch, machte der Kellnerin ein Zeichen und lief über die Straße.

So ein Zufall. Eben habe ich gegenüber gefrühstückt. Wohnen Sie hier? Haben Sie es eilig? Kann ich sie ein Stück begleiten?“

Peter konnte nicht erkennen, ob Sofie aus Schüchternheit zögerte oder ob sie lieber abgelehnt hätte. Sie sagte nichts, blickte auf den Boden und ging dann langsam los. Da sie keine Anstalten machte, auf das Fahrrad zu steigen, begleitete er sie. Sie schwiegen eine Weile. Dann fragte Peter, wie es ihr gestern gefallen habe. Ob sie in der Firma anfangen wolle. Sofie antwortete so leise, dass er sie nicht verstand. Er ließ es sich nicht anmerken und stellte weiter Fragen, als könne er sich mit diesen Fragen an sie heran tasten. Sie blieb einsilbig und ihre Stimme dünn.

Ich muss los“, sagte sie schließlich zwei Straßenecken weiter, streifte Peter mit einem Blick und sah dann über seine Schulter hinweg. Es schien sie zu frieren unter ihrem dünnen Mantel. Sie zitterte kaum merklich. Peter sah wie seine Hand sich auf ihren Arm legte, sie zu sich heranzog. Er fühlte wie seine Lippen sich auf die ihren legten und stellte kein Erschrecken in sich darüber fest. Sofie wehrte ihn weder ab, noch erwiderte sie den Kuss. So wusste er schon kurz danach nicht mehr, ob es diese Berührung gegeben hatte. Sie war auf ihr Fahrrad gestiegen und grußlos davongefahren.

Einen Tag später, am Dienstag, klingelte Peter während seiner Mittagspause bei Sofie. Niemand machte auf, und er setzte sich wieder in das Café gegenüber. Er bestellte sich ein Bier, was er mittags sonst nie tat. Sofie kam nach Hause, bevor er hätte austrinken können. Diesmal vergaß er fast zu bezahlen, warf schnell noch ein paar Münzen auf den Tisch, viel zu viele, wie er später bemerkte, und sprang über die Straße. Gerade noch erwischte er sie am Ärmel, ehe das Tor zum Hof hinter ihr zufallen konnte. Er zog sie gleich an sich, das Fahrrad dazwischen, und küsste sie erneut. Wieder war es wie am Vortag, sie wehrte sich nicht und erwiderte auch nichts, und als er sie losließ war der Kuss schon verblasst. Peter wartete, bis sie das Fahrrad abgeschlossen hatte und folgte ihr dann wortlos die Treppe hinauf bis zu ihrer Wohnung. Sie sah ihn mit keinem Blick an. Erst an der Tür bemerkte er, dass sie einen verstohlenen Blick auf ihn aus dem Augenwinkel warf.

Sie siezten sich in den wenigen Sätzen, die sie miteinander sprachen. Viel später, als er sich wieder anzog, und sie sich die glatten Haare noch glatter strich, fragte er sie, ob sie nicht „du“ sagen wollten. Sie gab ihm keine Antwort. Vielleicht wägte sie es ab. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Da er es jetzt eilig hatte, ging er mit kurzem, unsicheren Gruß und zog die Tür hinter sich zu. Die Treppen hinunter begleitete ihn Sofies unergründlicher Blick. Einmal wandte er sich um, weil er nicht sicher sein konnte, dass sie nicht tatsächlich oben am Treppengeländer stand und ihm nachsah. Aber sie stand nicht dort.

Am Mittwoch trank er wieder ein Bier im Café, während er auf Sofie wartete. Und als sie kam, sah sie sich verstohlen um, so als schämte sie sich dafür. Fast wäre er vor ein Auto gelaufen. Und wieder erwischte er sie erst, kurz bevor die Tür zufiel, am Ärmel ihres dünnen Mantels. Weil sie ihn immer noch siezte, blieb er nun auch dabei. Diesmal war er noch schneller wieder zur Tür hinaus als am Tag zuvor. Er roch an seinem Hemd, bevor er die Jacke zuknöpfte, um sich zu vergewissern, dass Sofie keine Spuren an ihm hinterlassen hatte. Er konnte keine feststellen. Unwillkürlich fühlte er nach, strich über seine Handrücken, die sie zuletzt berührt hatte. Nicht einmal ein Schatten lag darauf.

Am Donnerstag wartete er umsonst auf Sofie, ungeduldig und ein wenig erschöpft saß er am Fesnter des kleinen Cafés. Einmal fragte er sich, ob er sie nicht gerade verpasst hatte. Ob das nicht ihr Rücken war, der eben vorbeigeeilt war. Aber er entpuppte sich als der Rücken einer anderen, etwas älteren Frau, auf deren Gesicht er kurz darauf einen Blick werfen konnte, als sie vor der kleinen Buchhhandlung stehen blieb.

Am Freitag erwischte Peter Sofie noch einmal. Etwas sagte ihm, dass er sie nur dieses Mal noch treffen würde. Seine Bewegungen und seine Worte waren hastig. Er fühlte sich gehetzt, als er mit ihr die Treppe hinauf ging. Atemlos kam er oben an, obwohl sie nicht schneller gegangen waren als an den anderen Tagen. Etwas anderes als sein Atem rang in ihm nach Luft. Etwas, das nach einer Gewissheit suchte, nach einem Halt, den er nicht fand. Er fühlte sich wie ein gejagtes Reh und versuchte die Rolle zu wechseln: Bleib bei mir“, sagte er, nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Wie die anderen Male hatte sie dabei fast keinen Laut von sich gegeben.

Sofie sah ihn einen Moment lang unverwandt an. Zum ersten Mal sah er die grüne Farbe ihrer Augen. Vielleicht leuchteten sie kurz auf, vielleicht bildete er es sich nur ein. Ihre Stimme war so leise wie immer: „Gehen Sie jetzt bitte“, sagte sie.

In der Tür aber tat sie etwas, das er nicht erwartet hätte. Sie strich ihm ganz vorsichtig über das Haar. So vorsichtig, dass er nachsehen musste, ob sie es tatsächlich tat. Noch einmal blickte sie ihm direkt in die Augen. Dann trat sie einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen. Peter konnte sich nicht entschließen zu gehen. Er hob die Hand, um anzuklopfen, dann ließ er sie doch nur über das Holz gleiten. Das Holz brannte unter seiner Haut.

Am Abend lag Peter schlaflos neben seiner Frau, die sich an ihn schmiegte wie in jeder Nacht. Er hatte seinen Sohn ins Bett gebracht, was er selten tat. Seine Glieder schmerzte ihn, und er fröstelte. Obwohl seine Frau so dicht bei ihm lag, konnte er sie nicht fühlen. Seine Haut war betäubt. Vielleicht ein leichtes Fieber, dachte er und wartete regungslos darauf, endlich in den Schlaf zu finden. Peter blieb gesund, aber er fühlte sich das ganze Wochenende über angeschlagen und blieb schlaflos.

 

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