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Eine ferne Galaxie Juni 12, 2016

Filed under: aktuelles — cf @ 10:45 pm

Im Fenster fliegt ein Flugzeug durch die Nacht. Ich sitze in der Küche: Mitte-Mutti, Anfang vierzig, graue Strähnen im Haar, alleinerziehend, zwei Kita-Jungs, Weiterbildung im Fernlehrgang, Hartz IV.

Ich sitze in der Küche, weil ich es noch nicht ins Bett geschafft habe. Es steht nur wenige Meter von mir entfernt, die Wohnung ist klein. Abends dehnt sie sich aus. Zwischen hier und dort die Unendlichkeit. Auf dem Tisch noch das Raumschiff des Älteren. Ich steige ein und verliere mich in einem schwarzen Loch.

Eine Stunde später ist mein Gesicht so glatt wie die Tischplatte, an der Stelle, an der ich darauf geschlafen habe. Meine Hand hält ein Legolichtschwert umfasst. Mein Blick klärt sich mühsam, fällt auf mein nächstes Gegenüber, den Kühlschrank.

Der Kühlschrank“, denke ich, „ist leer.“

Dieser lapidare Gedanke löst in mir dieselbe Müdigkeit aus, aus der ich eben komme. Der glatte Tisch gewinnt an Anziehungskraft.

Heute nicht zuständig sein, morgen nicht zuständig sein, übermorgen nicht mehr zuständig sein. Das ist mein Mantra. Der Kühlschrank kennt es, versteckt höflich sein Gähnen und schweigt.

Sein Schweigen provoziert mich. Ich denke lauter: Heute nicht zuständig sein, morgen nicht zuständig sein, übermorgen nicht mehr zuständig sein. Keine Reaktion.

Ich weiß, dass er nicht viel zu verbergen hat: eine letzte Möhre, einen Rest Tomatenmark, Milch für den Kaffee und Senf. Zäpfchen gegen Verstopfung, Schmerztabletten im oberen Fach der Schranktür, zwei Kühlpads.

Ich werde vorwurfsvoll: „Wir haben so viel zusammen durchgemacht: Die Pseudo-Krupp-Nächte, in denen mein Älterer in dich hineingebellt hat, weil der Husten sonst den Hals verschließt und umschlingt. Mein Zittern davor. Die Decken mit denen wir uns ein Lager gebaut haben, bis der Atem zurückkam. Weißt du nicht mehr!“ Ich frage nicht, ich befehle das Zuhören.

Weißt du nicht mehr – später: seine unzähligen schmerzhaften Verstopfungen ein halbes Jahr lang. Die Eifersuchtskämpfe der Kinder, Kühlpads verabreicht wie Schleuderware. Mein gekrümmter Griff nach den Schmerztabletten, als der Rücken mich im Stich gelassen hat!“

Immer noch keine Reaktion. Spiegelglatt ist die Einbauküchenkühlschranktür. Nie mit dem Schrank verbunden worden.

Mein Fuß stößt gegen etwas. Ein klackendes Geräusch, weggestoßenes Plastik trifft auf ein Tischbein. Ich entlasse den Kühlschrank aus dem einseitigen Gespräch, bücke mich und finde ein weiteres Raumschiff aus Duplo. Eigenbau des Kleineren. Ich hebe es auf. Das Fenster blickt mir verstohlen über die Schulter.

Bereit machen zum Angriff“, höre ich die Kinder, die in ihren Betten schlafen. Ich kenne die Parolen auswendig. Ich schließe die Augen. Bevor ich wieder einnicke, schüttle ich mich wie einen Baum. Kein Träumelein fällt herab, aber der Entschluss, das Bett aufzusuchen.

Das Bett ist noch kein Bett. Ich muss es erst verwandeln. Auf das Sofa den Zauberstab legen. Ein paar Sterne sprüht er um sich, dann ist es bereit.

Als ich gerade eingeschlafen bin, klingelt das Telefon, erreicht mich drüben auf einem anderen Stern. So viele Vorwürfe springen durch die Leitung, dass ich gleich weiß, wer es ist: der Verlassene.

Ich sehe auf die Krater um mich und denke zufrieden: Das scheint der Mond zu sein. Weit genug entfernt von den Worten, die mir nicht gerecht werden. Ich stelle das Telefon schlaftrunken in seine Station, mitten in einen Satz hinein. Ab jetzt wälze ich mich in den Laken herum, bis ich so wütend über mein Wachsein bin, dass ich in die Küche zurück schlurfe. Ich schlurfe, um nicht davongetragen zu werden mangels Erdanziehungskraft.

Ich koche Schlaftee, den süßen. Mein Sortiment ist groß. Dazu eine Wärmflasche. Man weiß nie, was noch kommt. Dann liege ich wieder wach.

Noch einmal in der Küche trage ich es mit dem Kühlschrank aus: Ich reiße die Tür auf und schreie ihn an. So laut, dass ich statt seiner erschrecke.

Als ich ihn schließe, stehen zwei Astronauten hinter mir, verschlafen, verängstigt.

Was war das, Mama?“

Ich denke solange nach, dass ich vergesse zu antworten. Zum Glück kennen sie das. Schließlich sage ich doch noch: „Ich.“

Sie nicken, alles in Ordnung. Zwei Hände schlüpfen in meine.

Ihr müsst schlurfen“, erkläre ich. „Damit wir nicht davonschweben.“

Was ist schlurfen, Mama?“ fragt der Kleine. Ich mache es vor. Wir schlurfen zurück.

Wenn ihr in euren Betten liegt, fliegen wir zu den Sternen. Sucht euch ein Raumschiff aus.“
Eine Tür verbindet unsere Zimmer. Wir funken uns zu: „Anschnallen! Angeschnallt?“

Zweimal: „Ja.“

Alles bereit zum Abflug?“

Jetzt gleichzeitig: „Ja.“ Und: „Angriff!“

Den Angriff gibt es immer. Er gehört dazu wie das Anschnallen.

Ich wünsche angenehme Träume. Wir fliegen in eine ferne Galaxie.“

Gute Nacht, Mama“, funkt es zurück.

Ich klettere in meine Kapsel, in voller Montur. Neben mir wartet schon mein Bräutigam. Die Kinder steuern, ich lehne mich zurück. Mein Raumanzug ist weiß wie ein Hochzeitskleid. Wen wir angreifen, muss ich nicht wissen. Mein Bräutigam ist die Zeit. Heute Nacht entschwinden wir gemeinsam in den unendlich sich dehnenden Raum.

 
 

Kältere Tage April 7, 2015

Filed under: aktuelles,erzählungen — cf @ 9:32 pm

 

An dem Tag, an dem Peter Sofie begegnete, schien die Sonne sehr hell. Der ganze März war schon warm gewesen, aber dieser Tag war klarer als die anderen. In Peters Büro hatte sich die Sonne in jeden Winkel gelegt. Unübersehbar in ihrer hellen und starken Präsenz überstrahlte sie jede Trübung des Wetters.

Im Kalender begann der Frühling, und Peter blickte auf eine lange, glückliche Zeit zurück. Nach einer Gehaltserhöhung verdiente er mehr als je zuvor, seine Arbeit war zugleich entspannter geworden. Sein Sohn ging seit dem neuen Jahr in die Kita, und seine Frau stieg so langsam in ihren Job wieder ein, dass sie noch genügend Zeit und Aufmerksamkeit für ihn übrig hatte. Sie gingen zusammen aus und waren sich so nah wie zuletzt in der Zeit ihrer Schwangerschaft.

Peter erledigte seine Arbeit mechanisch, aber nicht freudlos: Anrufe, Emails, Berechnungen, Internetrecherche. Zwischendrin ein kurzer Anruf bei seiner Frau. Nur ein paar Worte von Büro zu Büro. Er sah sie durch die Leitung lächeln. Das genügte ihm. Danach trug er ihr Lächeln durch den Rest des Tages.

In seiner Vormittagspause in der Kaffeeküche traf Peter zum ersten Mal auf Sofie. Sie sah ihn schüchtern an. Er streckte ihr die Hand hin: „Guten Tag, ich bin Peter. Sind Sie eine neue Kollegin?“

Sofie schüttelte den Kopf. Nein, ich hospitiere nur für den Tag …“

Lisa, die am Empfang arbeitete, kam herein und unterbrach sie. Im Handumdrehen machte sie die beiden miteinander bekannt und gleich darauf verschwand sie mit Sofie.

Während Peter weiter an seinen Zahlen arbeitete, trübte sich langsam sein Blick. Den ganzen gestrigen Tag war im Büro schon von nichts anderem als der Sonnenfinsternis die Rede gewesen. Da er sich nicht rechtzeitig um eine entsprechende Brille gekümmert hatte, blieb er an seinem Arbeitsplatz und arbeitete weiter, während die Kollegen sich auf dem engen Balkon sammelten. Er rückte ein wenig näher an den Bildschirm seines Computers. Ein bisschen fröstelte es ihn, aber es war nicht kälter geworden. Die schleichenden Veränderungen im Raum erschienen ihm unwirklich. Obwohl er wusste, dass sich draußen der Mond vor die Sonne schob, schien es ihm, als seien es seine Augen, die nachgaben. Der Himmel war wolkenlos, und die Sonne strahlte unvermindert klar in die Winkel des Büros.

Peter warf einen Blick auf das Bild seiner Frau und auf das Bild daneben, das sie mit seinem Sohn auf dem Schoß zeigte. Er suchte vergeblich nach Schatten auf den Fotos, die ihm erklärt hätten, warum die Bilder nun blass und unecht wirkten. Er versuchte sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit hielt ihn davon ab. Er fand keine rechte Orientierung in der veränderten Situation. Das Licht war nicht vergleichbar mit vorüberziehenden Wolken oder der Abenddämmerung. Es war, als würde seine Sehkraft ihn ganz allmählich verlassen.

Auch als sich langsam die eigentlichen Lichtverhältnisse wiederherstellten, kam es Peter so vor, als sei etwas von der Trübung zurückgeblieben. Er beschloss, früh in die Mittagspause zu gehen, und hoffte, danach wieder konzentrierter arbeiten zu können.

Auf der Treppe begegnete er Sofie. „Gehen Sie auch in die Mittagspause? Wollen Sie mich begleiten?“

Sofie sah sich um, als wartete sie auf Lisa, zuckte dann mit den Schultern und nickte. „Warum nicht“, sagte sie leise, offenbar immer noch schüchtern.

Das Essen verlief unspektakulär. Peter stellte fest, dass er sich mehr erhofft hatte. Außerdem stellte er verwundert fest, dass Sofie irgendetwas an sich hatte, das ihn interessierte. Sie war weder besonders schön, noch in anderer Weise auffallend, und er konnte sich dieses Interesse an ihr, nicht erklären. Das Gespräch, das er immer wieder aufgriff, geriet mehrmals ins Stocken. Sofie antwortete auf seine Fragen nur leise, kurz und und zögerlich. Am Ende schien es ihm, als sei sie froh, sich von ihm verabschieden zu können.

Ich muss noch eine Besorgung für Lisa machen“, entschuldigte sie sich, und Peter sah ihr nach, sah die schmale Frau mit den leicht eingezogenen Schultern, wie sie mit hastigen Schritten davonging. Ihre langen, glatten Haare tanzten kaum merklich über ihrem grauen Mantel, von dessen Farbe sie sich kaum abhoben.

Am nächsten Tag war es unverhofft kalt. Im Radio hieß es, dass es an manchen Orten geschneit hätte. Die Kälte hielt sich über das Wochenende und auch am Montag zog Peter den Mantel enger zusammen, während er wie gewohnt zwei Ubahntreppen auf einmal nahm. Oben angelangt wäre er fast in Sofie hineingestolpert, die noch schnell über die grüne Ampel laufen wollte, ehe sie umsprang.

Ich habe gestern etwas liegen lassen“, sagte sie fast entschuldigend und während sie davonlief.

In diesem Moment übernahm in Peter etwas anderes als sein Verstand die Regie. Ein innerer Plan, dessen Inhalt ihm selbst nicht bekannt war, trieb ihn nun an. Er wartete ab, bis Sofie ihn nicht mehr sehen konnte und folgte ihr mit ausreichendem Abstand. Gleichzeitig fischte er nach seinem Telefon in der Jackentasche und rief Lisa an. Sie solle seinem Chef bitte ausrichten, dass er einen Anruf von der Kita bekommen habe. Sein Sohn müsse abgeholt werden, und seine Frau sei nicht zu erreichen gewesen. Er würde sich später noch einmal melden.

Peter machte sich auf einen langen Weg gefasst, aber zu seinem Erstaunen schien Sofie nur wenige Straßen entfernt zu wohnen. Vor einem unrenovierten Haus blieb sie stehen und holte einen Schlüssel aus ihrer Tasche. Schräg gegenüber lag ein Café. Er bestellte sich ein Frühstück, nahm sich eine Zeitung und setzte sich ans Fenster. Wenn ich Pech habe, kommt sie nicht mehr aus dem Haus, ging es ihm durch den Kopf. Aber seine Gedanken waren nur Beiwerk, und er ließ sie ungehört ziehen.

Nach einer halben Stunde ging die Tür zum Hof auf. Sofie kam mit einem Fahrrad heraus. Hastig legte er das nötige Geld auf den Tisch, machte der Kellnerin ein Zeichen und lief über die Straße.

So ein Zufall. Eben habe ich gegenüber gefrühstückt. Wohnen Sie hier? Haben Sie es eilig? Kann ich sie ein Stück begleiten?“

Peter konnte nicht erkennen, ob Sofie aus Schüchternheit zögerte oder ob sie lieber abgelehnt hätte. Sie sagte nichts, blickte auf den Boden und ging dann langsam los. Da sie keine Anstalten machte, auf das Fahrrad zu steigen, begleitete er sie. Sie schwiegen eine Weile. Dann fragte Peter, wie es ihr gestern gefallen habe. Ob sie in der Firma anfangen wolle. Sofie antwortete so leise, dass er sie nicht verstand. Er ließ es sich nicht anmerken und stellte weiter Fragen, als könne er sich mit diesen Fragen an sie heran tasten. Sie blieb einsilbig und ihre Stimme dünn.

Ich muss los“, sagte sie schließlich zwei Straßenecken weiter, streifte Peter mit einem Blick und sah dann über seine Schulter hinweg. Es schien sie zu frieren unter ihrem dünnen Mantel. Sie zitterte kaum merklich. Peter sah wie seine Hand sich auf ihren Arm legte, sie zu sich heranzog. Er fühlte wie seine Lippen sich auf die ihren legten und stellte kein Erschrecken in sich darüber fest. Sofie wehrte ihn weder ab, noch erwiderte sie den Kuss. So wusste er schon kurz danach nicht mehr, ob es diese Berührung gegeben hatte. Sie war auf ihr Fahrrad gestiegen und grußlos davongefahren.

Einen Tag später, am Dienstag, klingelte Peter während seiner Mittagspause bei Sofie. Niemand machte auf, und er setzte sich wieder in das Café gegenüber. Er bestellte sich ein Bier, was er mittags sonst nie tat. Sofie kam nach Hause, bevor er hätte austrinken können. Diesmal vergaß er fast zu bezahlen, warf schnell noch ein paar Münzen auf den Tisch, viel zu viele, wie er später bemerkte, und sprang über die Straße. Gerade noch erwischte er sie am Ärmel, ehe das Tor zum Hof hinter ihr zufallen konnte. Er zog sie gleich an sich, das Fahrrad dazwischen, und küsste sie erneut. Wieder war es wie am Vortag, sie wehrte sich nicht und erwiderte auch nichts, und als er sie losließ war der Kuss schon verblasst. Peter wartete, bis sie das Fahrrad abgeschlossen hatte und folgte ihr dann wortlos die Treppe hinauf bis zu ihrer Wohnung. Sie sah ihn mit keinem Blick an. Erst an der Tür bemerkte er, dass sie einen verstohlenen Blick auf ihn aus dem Augenwinkel warf.

Sie siezten sich in den wenigen Sätzen, die sie miteinander sprachen. Viel später, als er sich wieder anzog, und sie sich die glatten Haare noch glatter strich, fragte er sie, ob sie nicht „du“ sagen wollten. Sie gab ihm keine Antwort. Vielleicht wägte sie es ab. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Da er es jetzt eilig hatte, ging er mit kurzem, unsicheren Gruß und zog die Tür hinter sich zu. Die Treppen hinunter begleitete ihn Sofies unergründlicher Blick. Einmal wandte er sich um, weil er nicht sicher sein konnte, dass sie nicht tatsächlich oben am Treppengeländer stand und ihm nachsah. Aber sie stand nicht dort.

Am Mittwoch trank er wieder ein Bier im Café, während er auf Sofie wartete. Und als sie kam, sah sie sich verstohlen um, so als schämte sie sich dafür. Fast wäre er vor ein Auto gelaufen. Und wieder erwischte er sie erst, kurz bevor die Tür zufiel, am Ärmel ihres dünnen Mantels. Weil sie ihn immer noch siezte, blieb er nun auch dabei. Diesmal war er noch schneller wieder zur Tür hinaus als am Tag zuvor. Er roch an seinem Hemd, bevor er die Jacke zuknöpfte, um sich zu vergewissern, dass Sofie keine Spuren an ihm hinterlassen hatte. Er konnte keine feststellen. Unwillkürlich fühlte er nach, strich über seine Handrücken, die sie zuletzt berührt hatte. Nicht einmal ein Schatten lag darauf.

Am Donnerstag wartete er umsonst auf Sofie, ungeduldig und ein wenig erschöpft saß er am Fesnter des kleinen Cafés. Einmal fragte er sich, ob er sie nicht gerade verpasst hatte. Ob das nicht ihr Rücken war, der eben vorbeigeeilt war. Aber er entpuppte sich als der Rücken einer anderen, etwas älteren Frau, auf deren Gesicht er kurz darauf einen Blick werfen konnte, als sie vor der kleinen Buchhhandlung stehen blieb.

Am Freitag erwischte Peter Sofie noch einmal. Etwas sagte ihm, dass er sie nur dieses Mal noch treffen würde. Seine Bewegungen und seine Worte waren hastig. Er fühlte sich gehetzt, als er mit ihr die Treppe hinauf ging. Atemlos kam er oben an, obwohl sie nicht schneller gegangen waren als an den anderen Tagen. Etwas anderes als sein Atem rang in ihm nach Luft. Etwas, das nach einer Gewissheit suchte, nach einem Halt, den er nicht fand. Er fühlte sich wie ein gejagtes Reh und versuchte die Rolle zu wechseln: Bleib bei mir“, sagte er, nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Wie die anderen Male hatte sie dabei fast keinen Laut von sich gegeben.

Sofie sah ihn einen Moment lang unverwandt an. Zum ersten Mal sah er die grüne Farbe ihrer Augen. Vielleicht leuchteten sie kurz auf, vielleicht bildete er es sich nur ein. Ihre Stimme war so leise wie immer: „Gehen Sie jetzt bitte“, sagte sie.

In der Tür aber tat sie etwas, das er nicht erwartet hätte. Sie strich ihm ganz vorsichtig über das Haar. So vorsichtig, dass er nachsehen musste, ob sie es tatsächlich tat. Noch einmal blickte sie ihm direkt in die Augen. Dann trat sie einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen. Peter konnte sich nicht entschließen zu gehen. Er hob die Hand, um anzuklopfen, dann ließ er sie doch nur über das Holz gleiten. Das Holz brannte unter seiner Haut.

Am Abend lag Peter schlaflos neben seiner Frau, die sich an ihn schmiegte wie in jeder Nacht. Er hatte seinen Sohn ins Bett gebracht, was er selten tat. Seine Glieder schmerzte ihn, und er fröstelte. Obwohl seine Frau so dicht bei ihm lag, konnte er sie nicht fühlen. Seine Haut war betäubt. Vielleicht ein leichtes Fieber, dachte er und wartete regungslos darauf, endlich in den Schlaf zu finden. Peter blieb gesund, aber er fühlte sich das ganze Wochenende über angeschlagen und blieb schlaflos.

 
 

Filed under: aktuelles,erzählungen — cf @ 9:27 pm

Am Montag schien wieder eine strahlende Sonne. Der Wind blieb kalt.

Mittags ging Peter mit Lisa essen. Lisa war gesprächig, und sie lachten wie gewöhnlich viel miteinander. Ganz nebenbei fragte er sie: „Und deine Freundin, wollte die nicht bei uns anfangen?“

Sie ist nur für ein paar Monate in der Stadt gewesen. In der Wohnung ihrer Schwester, die gerade im Ausland ist. Ich glaube am Wochenedne ist sie wieder weggezogen. Ich habe vergessen wohin.“

Wieder war dieser leise Gliederschmerz da. Er zog sich durch seinen Körper, die Sehnen entlang. Auch das Frösteln war nie ganz verschwunden. Sie liefen durch die Sonne zurück zum Büro und Peter stellte sich vor, wie er sich bei Lisa unterhakte. Als wäre es möglich, sich in ihr ansteckendes Lachen einzuhaken. Natürlich tat er es nicht. Sie waren nur Arbeistkollegen, und er nahm an, dass sie es unangemessen gefunden hätte.

Wo bist du denn eigentlich in den letzten Tagen mittags gewesen?“ fragte Lisa vor seiner Bürotür. Peter zuckte mit den Schultern, aber es war mehr ein Zusammenzucken, als hätte er gedankenlos etwas getan, und sie ihn dabei ertappt.

Wo bin ich gewesen? fragte er sich, als er allein in seinem Büro saß.

Das Frösteln blieb noch einige Wochen bei ihm. Noch ein paar Mal zuckt er mit den Schultern, als hätte man ihn erschreckt. Einmal war es seine Frau, die ihn fragte, wo er in der letzten Tagen mit seinen Gedanken sei. Einmal war es sein Sohn, der ihn ansah und auf eine Antwort wartete, zu der er die Frage nicht gehört hatte, und die er deshalb nicht geben konnte.

Nachts lag er oft lange wach. Es lag an der Kälte, die er nicht aus seinem Körper vertreiben konnte, die ihn am Einschlafen hinderte. Und in manchen Nächten, kurz bevor er endlich in den Schlaf glitt, schreckte er noch einmal hoch, weil plötzlich Sofie, deren Gesicht er tagsüber nicht erinnern konnte, ihn mit ihren grünen Augen geradewegs ansah.

 
 

Mit und ohne Ariel Januar 19, 2015

Filed under: aktuelles — cf @ 7:44 pm

(Manuskriptauszüge)

Henrik und Max haben sich den vorderen Teil des Spielplatzes erobert, ich folge ihnen. Max ist als erster auf der Rutsche, aber bevor er rutscht, ruft er doch nach mir. Ich klettere ihm nach, Henrik drängt sich schnell noch dazwischen, und wir rutschen zu dritt, die beiden in meinem Arm. Ich bin ihr Gewicht, mit dem sie Fahrt aufnehmen. Sie abonnieren mich für die nächsten Male. Zweimal rutsche ich noch, dann will Henrik lieber kopfüber hinunter, und Max hat sich einen fremden Eimer im Sand erobert. Ich setzte mich unter den Baum. Später verkaufen sie mir Eis, Max hat sich das Eisverkaufen bei Henrik abgeguckt. Und natürlich bekomme ich Kaffee, den sogar umsonst. Denn sie wissen, welchen Stellenwert er in meinem Leben längst wieder hat.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Ariel gewesen wäre in der allerersten Zeit. Und auch alles Weitere kann ich mir ohne ihn nicht vorstellen. Schließlich war er immer anwesend, wenn auch die meiste Zeit in Form seines Verlusts. Es gibt mich nur mit ihm, meinem Luftgeist. Wenn wir unsere Tag im gleichen Rhythmus begehen, dann ist er für alle – selbst für mich – unsichtbar.

An den Tagen, an denen unsere Rhythmen sich voneinander unterscheiden, sieht man ihn mir an. Ich bin dann nicht ganz bei mir, falle in zwei Hälften auseinander. Es beginnt in meinem Blick. Die Kinder bemerken es zuerst. Sie spüren, dass ich sie ansehe und gleichzeitig abwesend bin. Dann versuchen sie den entschwundenen Teil zurückzuholen. Manchmal gelingt es. Es ist ein anstrengendes Unterfangen. Manchmal müssen wir alle ergebnislos durch diese Tage hindurch. Es sind die Tage, an denen es sich anfühlt, als ob Ariel sich von mir verabschieden möchte. Ich würde ihm diesen Abschied gerne ermöglichen, aber ich bin noch nicht soweit. Lieber ertrage ich die immer größere und häufigere Zerrissenheit noch eine Weile länger. Vielleicht weiß er, wie schwer es für mich ist, meine Aufmerksamkeit zwischen ihm und den Kindern aufzuteilen. Noch sind sie klein.

Die Frauenärztin stellt mich vor die Wahl. Wenn ich ins Geburtshaus gehen will, dann betreut sie mich nicht weiter. Ich glaube in ihrem Blick zu sehen, dass sie nicht davon ausgeht, dass ich mich gegen sie entscheide. Sie war mir nie besonders nah. Natürlich ist das eine absurde Tatsache. Dass die Behandlung der intimsten Bereiche ganz anonym vor sich geht.

In dem Moment, in dem sie mich vor die Wahl stellt, beginnt der Prozess. Ich bin ihr dankbar, obwohl ich sie danach nicht wiedersehe. In den darauf folgenden Tagen stellt sich die noch unbenennbare Gewissheit ein, dass ich nicht mehr nur die Mutter mit dem Kind im Bauch bin, madonnengleich. Ohne eigenes Zutun von der Schöpfung heimgesucht. Mein Bauch und ich wachsen langsam wie das Gras in einen Zustand archaischer Sprengkraft hinein. Ich kann uns nicht mehr davor bewahren.

 
 

Das Jahr der Erschöpfung März 11, 2012

Filed under: aktuelles,erzählungen — cf @ 3:17 am

Herr R. ist wieder zu Besuch. Er kommt seit das Jahr sich neigt, täglich. Da er unerkannt durch die Tür schlüpft, bemerke ich seine Anwesenheit erst an meinem Mann, der hinter sich selbst verschwindet. Er hat Herrn R. mit nach Hause gebracht und schämt sich dafür. Aber da ich die Situation noch nicht verstehe, erkenne ich seine Scham nicht und begrüße ihn mit der üblichen, glühenden Lava an Vorwürfen. Meine Kräfte schwinden, seit Herr R. sich in unser Leben eingeschaltet hat, und ich mache meinen Mann dafür verantwortlich. Ich trage zuviel auf meinen Schultern und vor der Verzweiflung kommen die Anklage und die Wut.

Herr R. ist ein netter Familienmensch, Vater zweier Kinder, ein paar wenige Jahre jünger als wir. Gewissenhaft und loyal. Er wählt freundliche Worte im Umgang mit meinem Mann. Herr R. ist sein Vorgesetzter in einer Firma, in der es viele von seiner Sorte gibt, Männer und Frauen.

Dass Herr R. längst zwischen uns wohnt, bemerke ich erst, als das Jahr sich neigt. Monate lang sitzt er schon zwischen uns auf dem engen Sofa, liegt zwischen uns in unserem Bett, mischt sich in all unsere Gespräche. Diese Gespräche bestehen aus einer Anhäufung von Vorwürfen, die immer lauter werden, immer kränkender und unwiderruflicher. Ich bin nicht genug für meinen Mann da, sagt er. Er ist nicht genug für mich da, denke ich und sehe auf unser Kind und fühle den Schluckauf des nächsten in meinem Bauch; und sehe einen Alltag in der Endlosschleife, der mich langsam erdrückt, weil er nur noch Raum lässt für das, was erledigt werden muss. Ich bin eine Muttermaschine geworden.

 

Natürlich ist es zu einfach, Herrn R. für alles verantwortlich zu machen. Er ist nur ein kleines Rädchen in der tickenden Uhr. Aber er gibt sein Gesicht dafür her, darin erkannt zu werden. Kurz vor Weihnachten in der Zeit der Bestandsaufnahme bietet er sich endlich an als Erklärung, kurz bevor alles verloren ist: eine Ehe, unsere Gesichter, die Sicherheit der Kinder.

Aber um ihm gerecht zu werden, muss ich zugeben, dass es lange vor ihm anfing. Ungefähr als das letzte Jahr zu Ende ging und mir mein Mann und damit der Vater meines Kindes entglitt. Er entglitt in den Kampf mit der Chimäre, die aus seiner Arbeit entwuchs. Aus der überflüssigen Stelle, auf der er saß und in der es nichts zu tun gab, über die er aber beständige Rechenschaft abzulegen hatte. In einer Firma, die sich mit einem großen Namen und ungezählten beruflichen Möglichkeiten schmückte.

Dann kam die Versetzung in Herrn R.s „Team“.  Wir atmeten auf für ein paar Tage. Bis der Prozess begann, der sich uns erst viel zu spät in seiner Systematik zu erkennen gab. Die Firma, eine corporation, wie im gleichnamige Film beschrieben, arbeitet mit einem System der Selbsterhaltung. Dieses System greift, wo sich jemand allein durch seine bisherige unterdurchschnittliche Erfolgsquote dafür anbietet, kostengünstig verabschiedet zu werden. Es verfolgt das Ziel, ihn oder auch sie davon zu überzeugen, freiwillig die überflüssig gewordenen Stelle aufzugeben und zu gehen, ohne etwas dafür zu verlangen als den eigenen Frieden.

 

Wir bekommen die ersten unsichtbaren Besuche von Herrn R., und ich finde meinen Mann hinter ihm nicht mehr. Im Nachhinein denke ich unwillkürlich an die grauen Männer und wie es einen friert, wenn sie kommen. Nur geht es Herrn R. nicht um Zeit. Er benutzt sie für seine Verhandlungen, aber die Ware, die von ihm gehandelt wird, ist der Mammon. Und das goldene Kalb besitzt nicht einmal die Scham sich zu verstecken – im Gegensatz zu meinem Mann, was ich ihm zugute halte. Dem Kalb ist es egal, wer ihm dient, welche Gesichter der Mob trägt, der es umtanzt. Damit der Tanz weitergehen kann, muss manchmal einer abgestoßen werden. Möglichst unbemerkt. Möglichst so, dass keiner das Ritual dahinter entdeckt.

Herr B., der Vorgesetzte von Herrn R., ebenfalls ein goldenes Rädchen, und Herr R. laden meinen Mann nun regelmäßig zu einem Gespräch unter sechs Augen. Ihm werden Verbesserungsvorschläge für seine Vorgehensweisen unterbreitet. Ihm wird das tote Land, das er zu beackern hat, als wertvoll verkauft. Er muss tägliche Zahlen abliefern und arbeitet bis in die Nacht daran, diese zu erbringen. Sein Weg zur Arbeit beträgt eine Stunde. Zurück eine weitere. Seine Gleitzeit wird außer Kraft gesetzt und nun sieht er sein Kind morgens nicht mehr, das noch schläft, wenn er geht. Manchmal schläft es schon wieder, wenn er kommt.

 

Die Zeit der Schwangerschaftsübelkeit verbringen das Kind und ich mitten im Sommer auf dem Wohnzimmerteppich, wo ich wenigstens liegend mit ihm spielen kann.

Dann kommt die Zeit, in der ich einen weiteren Anlauf nehme. Die Übelkeit ist vorbei, ebenso die erste Phase der Schlaflosigkeit. Das Kind im Bauch setzt Energien frei bis in den Herbst hinein. Ich kämpfe gegen etwas in meinem Mann an, der immer öfter apathisch neben unseren Spielen sitzt. Oder vor dem Bildschirm. Aber ich ahne nicht, dass dieses Etwas längst in mir selbst ist. Herr R. lässt es uns da bei jedem seiner Besuche, die sich nun häufen. Es ist die Erschöpfung nach der unermüdlichen Bemühung gegen die Umstände.

Mein Mann wird immer wieder krank. Ich ersticke in Wäsche, Windeln, Einkäufen, Essensversorgung und unter seinen Monologen über das, womit er sich geistig am Leben hält. Ich leiste mir keine geistigen Ausbrüche aus dem Alltag und vergönne sie ihm.

Der Anlauf, den ich genommen habe, versiegt, weil ich die Spur verliere. Mein ermüdeter Lauf findet nunmehr außer Konkurrenz statt. Wir bauen uns Bunker. Jeder einen für sich, denn wir leben in einer Zeit der atomaren Bedrohung. Jetzt lässt sich kein Hehl mehr daraus machen.

 

Ich bewache den Schlaf unseres Kindes wie in seinen ersten Wochen, weil ich nachts wieder schlaflos liege. Seine Hand greift manchmal nach mir und klammert sich an den Halt, den ich ihm nicht ersetzen kann. Es braucht Eltern, nicht eine Mutter, die in ihren Vorwürfen dem Vater gegenüber langsam erstarrt, weil die Kraft schwindet, wenn die Beschimpfungen grob und die Unterstützung klein und unberechenbar wird. Ich übe den Szenenwechsel; das Kind beschützen um jeden Preis, das unter den Streitereien, die immer heftiger werden, verstummt, abfedern, was sich nicht abfedern lässt. Die Scham angesichts dieses Selbstbetrugs. Mein Herz zerbricht. Eine staubige Erosion.

Ich beruhige das Kind in seinem Schlaf. Es lässt sich trösten, aber beruhigt ist es nicht. Wenn mein Mann apathisch ist, schickt es ihn aus dem Zimmer, möchte es nichts mit ihm zu tun haben. Mir dämmert jetzt, dass es nicht ihn, sondern den ungebetenen Besuch von Herrn R. zu vertreiben versucht.

Ich habe ein Jahr lang an meinem Mann herumgerüttelt. Ich hatte  Angst, er würde uns verpassen, seine Kinder und mich. Dann habe ich mich der Wut anvertraut und die Wortgefechte verwandelten sich langsam in einen Krieg, erst elementar, dann nuklear. Ich verliebte mich aus Sehnsucht und Müdigkeit in einen anderen Mann, der alles war, was ich vermisste: liebevoll, aufmerksam, einfühlsam im Umgang mit Kindern und anderen Menschen. Ich packte nach acht Jahren Ehe zum ersten Mal meine innerlichen Koffer, nachdem mein Mann mir schon seit einem Jahr damit drohte. Und obwohl niemand wusste von meiner schmerzhaften Sehnsucht unter dem Bauch, den ich immer größer vor mir her schob.

Das Kind ist wieder verstummt zwischen uns, noch zu klein um sich für eine Seite entscheiden zu können, in meinem Arm, der sich anfühlte wie ein Betrug um Wärme und Nähe.

 

Dann erbricht das Kind. Wir sitzen im Taxi und ich fange mit bloßen Händen auf, was es von sich gibt, um die Sitze zu schonen. In der Nacht geht es weiter. Ich wache auf mit dem Blick auf die sprudelnde kleine Fontäne neben mir. Dreimal noch müssen wir die Laken und die Kleidungen wechseln.

Stundenlang putzen wir, tagelang sitzen wir zwischen den Bergen an Wäsche, während das Kind von uns beiden bewacht wird mit den Augen der Angst und wieder der Scham. Aber unsere Bunker sind zu stabil geraten. Keiner öffnet dem anderen die Tür. Das Kind sucht sich eine Orientierung, wo es keine geben kann. Als ich weine, sagt es, dass ich nicht traurig sein muss, weil es auf mich aufpasst. Wie immer finde ich schlagartig in die Fassung zurück. Aber ich weiß: der Schaden ist schon passiert, wenn das Kind die Eltern beschützen muss.

 

In einer Nacht endlich bricht auch mein Vulkan aus. Die Lava kommt mir aus allen Poren geschossen. Kein Halten mehr. So schlimm wie seit zwanzig Jahren nicht. Mein Mann muss Sonderurlaub beantragen, und ich esse tagelang nichts mehr. Dann kommen die Tränen, und die graue Asche nach der Verwüstung. Neben der Frage, wofür man solange standgehalten und sich in Tapferkeit geübt hat, wo man doch weiß, dass jeder Krieg letztendlich nur Verlierer kennt. Ich esse nun Zwieback, trinke Wasser und blicke durch ein vergittertes Fenster in meine Tage hinein, wenn sie beginnen.

 

Erst als schon alles von mir abgefallen ist, auch die letzte Hoffnung, derer ich doch voll zu sein habe in meinen anderen Umständen, hört einer von uns plötzlich die goldene Uhr ticken. Wir sehen uns das Uhrwerk genauer an und finden die vielen kleinen Rädchen darin, ineinander verzahnt. Von einem Tag auf den anderen erkennen wir Herrn R., wenn er einzutreten begehrt, und verweigern ihm den Einlass in unsere Wohnung. Er versucht es durch die Telefonleitung, den Briefschlitz und natürlich über das Internet. Aber unser Kind, das wir nicht beschützen konnten, hat uns jetzt ausgestattet mit einem mächtigen Schild gegen jeden Trojaner. Jetzt schafft es nur das leere Pferd noch zu uns, die Hülle. Der Reiter bleibt endlich vor der Tür.

 

Unser Kind zittert im Schlaf und träumt Wortfetzen: „Papa … Arbeit“. Ich flüstere, um es nicht zu wecken: „Nein, der Papa ist hier und er bleibt jetzt hier und muss ganz lange nicht arbeiten.“ Dank der Krankschreibung bis zur Niederkunft, die keine mehr sein wird. Wir sind jetzt bereit, dem Wunder einer Schöpfung beizuwohnen, wie es jedem Kind gebührt.

Herr R. kommt mir plötzlich vor wie einer von uns. Einer, an dem man sich hat bedienen können. Die, die sich bedienen, lassen sich nicht genau fassen. Vielleicht weil sie ein Teil von uns allen sind, der sich anderen Götzen verpflichtet hat als der Liebe zu uns selbst.

Wir verabschieden die Götzen zur Weihnachtszeit, obwohl wir nicht christlich sind. Aber dazu ist diese Zeit da: für den Neubeginn und die Hoffnung unter dem Herzen. Und einen Frieden, der nicht zweifelhaft ist. Den man nicht in Kauf nimmt, weil man dazu gezwungen wird. Sondern einen Frieden wie er sich einstellt, wenn über die verwüstete Landschaft und die Asche ganz leise ein erster unerwarteter, weicher Schnee fällt.

 
 

Lesung beim Bücherbummel auf der Kö Juni 4, 2009

Filed under: aktuelles — cf @ 5:38 pm

Die Lesung findet statt am 12. Juni um 16 Uhr im zakk-Lesezelt, Ecke Grünstraße, Stand Nr. 48

Der Gesang der Sirene (Auszug)

Seit dir geht die Zeit andere Wege. Sie zieht Kreise, läuft nicht mehr fort. Ich kann sie anhalten für einen Moment, wie einen Atemzug. Dann puste ich dir den Atem ins Gesicht, und du hältst die Luft an, machst große Augen und lachst. Dein zahnloses Lächeln. Über ein ganzes Gesicht. Das Spiel wiederholen wir so lange, bis du den Blick abwendest oder nicht mehr lachst. Einen Zeitkreis entlang läuft unser Spiel.

Natürlich werden wir älter. Deine Geschwindigkeit ist größer dabei als meine. Aber die Zeit spielt hier nur eine Rolle, wenn jemand danach fragt: „Wie alt ist er jetzt?“ Ich überlege und zähle die Stunden, endlose Stunden zwischen deinem Hunger, dem Getragenwerden, Spaziergängen, Klageliedern und bei deinen Fischen über dem Wickeltisch. Dein von uns bewachter Schlaf, die Spiele. Während du kleine Speckringe anlegst an Beinen und Armen, dreht die Zeit einen Ring um mich herum. Jetzt bin ich Mutter, ein Generationenwechsel im eigenen Leben. Nicht mehr nur Kind. Nichts Ungewöhnliches ist daran. Es ist der Lauf der Dinge. Ich aber trage diesen Ring wie das wertvollste Stück meines Schmuckes. Es ist nichts Ungewöhnliches daran aber etwas Besonderes. Das Besondere bist du. Auch das: natürlich.

In Zahlen ausgedrückt, bist du drei Monate alt. Wenn man die Tage nicht zählt, die du in meinem Bauch verbracht hast. Zählt man sie dazu, bist du zwölf. Das sind die Fakten. Die kann ich jederzeit schwarz auf weiß vorlegen. Ich kann deine Maße nennen: Körpergröße, Kopfumfang, Gewicht. Vielleicht ließe sich schon eine Schuhgröße ermitteln. Gibt es Handgrößen? Deine Hände nämlich sind groß. Sie greifen schon ein bisschen nach dem Leben. Nach allem, was sich darin bewegt.

In diesen Tagen und Wochen, die wir verbringen außerhalb des Zeitenlaufs, mischt sich ein Gesang dazwischen, ein Sirenenlied. Es kommt von weit und ist immer noch nicht zu Ende gesungen. Warum bloß war ich es, die es immer wieder hörte, wie einen Ruf. „Nur einmal. Komm.“ Die ihn immer noch hört, den beinahe verstummten. Dann wenn plötzlich die Angst kommt, du könntest einmal aussetzen in unserem Spiel. Dein Atem könnte stocken. Es könnte vorbei sein, das Wunder.

 
 

“was bleibt” im Literatur Automaten Januar 27, 2009

Filed under: aktuelles,gedichte — cf @ 10:38 am

Bis zum 11. März 2009 ist wieder Lyrik von mir im "Literatur Automat" erhältlich.

Der Automat steht in Düsseldorf an folgenden Standorten: zakk, Junges Schauspielhaus, Philosophische Fakultät Geb. 23.01/ Heinrich-Heine Universität, FFT Kammerspiele, Literaturbüro NRW, Buch am Dreieck

Außerhalb von Düsseldorf: Werk-Stadt Witten, CUBA in Münster, Literairstation Venlo

Der "Literatur Automat" ist eine Initiative von Art Connection & zakk zur Verbreitung schöner Literatur: www.literaturautomat.eu

 
 

“Anmerkung 134″ – Eine Hommage an Pier Paolo Pasolini April 25, 2008

Filed under: aktuelles — cf @ 10:02 pm

"Anmerkung 134" – Eine Hommage an Pier Paolo Pasolini

von Ludica

 
Inspired by the novel "Petrolio" of the Italian writer and film director Pier Paolo Pasolini, the artists group Ludica. creates a multi-faceted production. The title "Note 134" refers to the chapter "Note 133" of Pasolinis novel that could not be completed through his violent death. The new piece "Note 134" by the company Ludica is a tribute to the great intellectual Pasolini and a rapprochement to his work through dance and visual arts.

 

Established in 2001, Ludica. is made up of the choreographer MorganNardi and the visual artist Naoko Tanaka and is extended to include performers and musicians depending on the production.

 

A Production from Ludica., co-produced by tanzhaus nrw Düsseldorf. Supported by the Prime Minister of the state Nordrhein-Westfalen, the Office for Culture of the state capital Düsseldorf, Kunststiftung NRW, Fonds Darstellende Künste e.V., Stiftung Van Meeteren,  Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf and the Istituto Italiano di Cultura Köln.

 

A piece by and with Heide Küsters, Annelise Soglio, Naoko Tanaka, Martin Brüggemann, Alessio Castellacci, Alex Goretzki, Christoph Klimke, Morgan Nardi and Francesco Pedone.

 

 
 

chinesin & penelope goes mango

Filed under: ölbilder — cf @ 10:02 pm

chinesin 2007 (40×29,7 cm)       –       penelope goes mango 2008

chinesin-(web).jpgpenelope.jpg

 
 

Literatur Automat

Filed under: gedichte — cf @ 10:01 pm

Der LITERATUR AUTOMAT ist eine Initiative von Art Connection und zakk zur Verbreitung schöner Literatur von Autoren und Autorinnen aus ganz Deutschland.
Standorte: zakk, Fichtenstraße 40, Düssedorf & Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, Universitätsstraße 1


         

wie alles nachtgewiegte

entpuppt ein traum

sich

du

ein ich

trotz all des nachtgewiegten

vertraut

 

 

(nach paul celan)