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miromente Mai 2018 Juli 20, 2018

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 2:34 pm

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Happiness Juni 8, 2018

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 9:29 am

(veröffentlicht in der Zeitschrift miromente im Mai 2018 anlässlich des Harder Literaturpreises)

Es gibt eine Bewegung beim Bierzapfen, die mit meiner Hand verschmilzt als wären das Bier, das Glas und die Hand eins. Das Glas liegt angewinkelt unter dem Hahn, während das Bier hineinläuft und sich die Farbe des Schaums mit dem durchlässigen Gelb vermischt. Dabei dreht sich das Glas ein wenig. Diese gleichmäßig fließende Bewegung führt sich von selbst aus.

Es bleibt selten die Zeit für ein perfektes Bier, weil es schnell über die Theke gereicht wird. Dennoch ist dies der Moment, in dem es am ehesten ist, was es sein könnte, würde es in Ruhe gezapft.

Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, die Zigarette in den Mundwinkel zu hängen, während ich zapfe. Das Kinn weit genug weggeneigt von der Theke. Überhaupt rauche ich nur bei der Arbeit. Weil die Zigarettenlänge Pausen verschafft, hinter der Tür, die in den Hof führt, auf den aufgestapelten Bierpaletten. Ich mache mir etwas aus dem Rauchen. Nur was, weiß ich nicht.

Seit ich einen Großteil meiner Tage nachts verbringe, fühle ich mich wie in einem Kokon. Die Tage lassen sich jetzt besser gestalten. Ich muss sie nicht mehr so wichtig nehmen. Wenn ich im Seminar vor Müdigkeit den Kopf kaum halten kann, ist er leer genug, um sich keine Fragen mehr zu stellen. Fragen nach dem, wo ich eigentlich hin will, seit mein erstes Studium beendet ist, und ich immer noch nicht weiß, was ich mit dem zweiten will.

Heute trage ich den Ring, den ein Kollege mir zum Geburtstag gemacht hat: eine Muschel aus Kroatien in Plastik gegossen. Dazu Trainingshosen, das ärmellose Oberteil mit den Pailletten, Lippenstift. Ich habe die Schicht im Club übernommen, wo die Haschschwaden um sechs Uhr morgens den Raum längst durchtränkt haben. Weder Hasch noch Gras mag ich besonders, aber mich entspannt die Arbeit an diesem Ort. Nur der Sänger, der immer noch am Mikrofon über seine Liebe zum Koks singt, irritiert mich in seiner mageren Erregung. Ich möchte Feierabend machen, bringe schon mal den Müll raus.

Der andere Kollege bietet mir an, dass ich gehen kann, wenn ich will. Es sind nur noch die Übriggebliebenen da, und sie bleiben noch lange. Kein letztes Bier in der Kneipe heute. Kein Gespräch. Alle anderen sind längst weg, die große Halle ist leer.

Ich sitze gerne noch mit den Kollegen zusammen, solange sie nicht von Politik sprechen. Wenn sie das tun, sehe ich unsere Gesichter zu deutlich, die so grau sind im fahlen Licht. Was wollen wir schon ausrichten. Wir, die wir uns in den Zwischenräumen der Tage verstecken.

Mit dem Rennrad bin ich schnell Zuhause. Ich habe noch ein anderes. Aber Tom und ich sind die einzigen, die diesen Weg nehmen. Die einzigen, die noch weiter im Süden wohnen, und ich fahre gern mit ihm zusammen. Dafür lasse ich das andere Rad stehen.

Heute ist auch Tom schon weg. Die Straßen sind leer und die Ampeln auf Blinken geschaltet. Zuhause ziehe ich wie immer, wenn ich nicht gleich schon wieder raus muss, den Stecker des Telefons, stecke mir Ohrstöpsel ins Ohr und stelle den Wecker auf zwei.

Wir reden nie wirklich miteinander. Ich glaube, dass Tom niemand ist, mit dem man wirklich reden kann. Wir wechseln Worte und teilen den Weg. Ich sehe ihn gerne an beim Fahren. Den kahlgeschorene Kopf, die große schöne Nase. Ich mag an ihm, dass er sich verbirgt. Hinter sich selbst. Bevor wir losfahren, verabschiedet er sich von seiner Freundin, auch eine Kollegin. Wir mögen uns nicht.

Ich würde ihn gerne mit zu mir nehmen, aber ich frage ihn nie. Wir verabschieden uns meistens im Fahren, er macht eine Bewegung mit dem Kinn, ich lache. Mein Lachen bleibt bei mir. Er ist schon weg.

Mit Sara, mit der ich mich angefreundet habe, räume ich den Catering-Bereich auf. Nach Common ist das Backstage verdreckt. Er sitzt dort noch mit zwei jungen Mädchen, die er sich hat bestellen lassen, ein bisschen Schnee dazu und andere Sachen. Der Bereich steht heute in keinem Vergleich zum Vortag, als die japanischen Trommler die Teller schon sauber gestapelt hatten. Aber es gibt Reste, die Sara und ich uns später teilen. Ein warmes Essen am nächsten Tag. Und diesmal fahre ich wieder mit Tom zurück. Seine Freundin hält ihn noch fest. Dann fahren wir wie immer bis zu der Stelle zusammen, an der die Straße sich gabelt. Sein Nicken, mein Lachen. Keiner von beiden hält an.

Sara hat schon aufgebaut, als ich am nächsten Abend komme. Das Konzert ist klein. Ich hole noch ein paar Kästen. Wir brauchen nicht viel. Während des Soundchecks zerspringen hinter mir die Gläser in den Regalen, ich spüre einen stechenden Schmerz in der Brust, als hätte jemand auf mich geschossen. Mir wird kalt. Im Raum lacht einer. Ich sehe nur seine Grimasse dazu, die Puppetmastaz sind zu laut. Mir leuchtet nicht ein, wozu sie das sind. Ich taste nach meinen Ohren. Die Ohrstöpsel sind drin. Und fange mich wieder. Kurz mache ich mir Gedanken über Statistiken zur Hörfähigkeit, die im Alter schneller abnimmt, je öfter man großen Lautstärken ausgesetzt ist. Jetzt bin ich vier Jahre hier.

Tom arbeitet an der anderen Theke. Ich hätte gerne mit ihm zusammen gearbeitet. Mich stört es nicht, wenn er sich so dicht an der neuen Kollegin vorbeischiebt, dass sie ihm einen bösen Blick zuwirft. Ich sehe ihm nur gerne zu, wenn er dann mit dem Korb die Gläser einsammelt, und das Licht sich auf seinem kahlen Kopf spiegelt. Oft nehme ich ihm die Körbe ab, weil das Spülen der Ort ist, an dem ich unsichtbar werde.

Nach der Arbeit gehen wir noch zu dem Klub ein paar Straßen weiter. Zu dem, der noch aufhat. Ich laufe neben Tom. Er reicht mir einen seiner Kopfhörer. Wir hören Bodycount. Heute nehme ich ihn mit, denke ich. Wie oft habe ich das schon gedacht. Kurz überschlage ich die Male tatsächlich im Kopf, dann scheint es mir müßig. Stattdessen nehme ich den anderen Kollegen mit zu mir. Als ich am nächsten Tag mit ihm zusammenarbeite, ist es mir unangenehm. Ich streife das Gefühl wieder ab. Denn sonst ist alles wie immer.

Die Tage zwischen der Arbeit verbringe ich damit, müde zu sein. Oft bin ich sogar ein bisschen fiebrig in der letzten Zeit. Im Seminar halte ich ein Referat über Mishima. Tom ist wieder nicht gekommen. Ich glaube, er hat das Studium längst geschmissen.

Während ich japanische Schriftzeichen übe, rinnt mir die Zeit durch die Finger. Manchmal starre ich auf das Papier mit den immer gleichen Reihen an Ideogrammen, als gäbe es dahinter etwas zu entziffern, das mir aber sofort wieder entgleitet. Ich versuche mich zu konzentrieren. Es fühlt sich kurz so an, als läge hier ein Schlüssel für mich. Der Sinn hinter dem, was ich tue. Dann aber wird mir schwindelig, weil die Reihen sich plötzlich ins Unendliche dehnen. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn alles immer nur weiter geht, immer weiter, kein Ende abzusehen. Erst als ich das nächste Zeichen male, hört meine schweißnasse Hand auf zu zittern. Ich glaube nicht an diese Striche. Sie sind zu akkurat. Welche Geschichte sollten sie erzählen. Trotzdem beruhigen sie mich.

Die beiden Security-Frauen unterhalten sich über die Anzahl der Spritzen, die sie in den Toiletten gefunden haben. Auf 1.200 Frauen erscheinen es mir wenige. Einmal im Monat ist Frauenschwoof. Ich ersticke dann in der Enge, die Hallen sind voll. Rette mich hinter die große Theke. Solange ich hier bin, halte ich es aus. An diesen Abenden trage ich zwei Kästen auf einmal bei jedem Gang in den Keller. Sonst kommen wir nicht nach. Ich bin dadurch stark geworden, ohne es zu bemerken. Eine Genugtuung, als es mir auffällt. Manchmal flirte ich ein bisschen. Wenn eine der Frauen vor der Theke lange Haare hat und einen schönen Mund.

Ich erinnere mich nicht an den Moment, in dem mein Leben stehen geblieben ist. Während die Zeit weiterläuft, fühlt es sich an, als würde die Luft etwas dünner. Nachts halte ich es aus. Wenn ich mit der Hüfte ein Glas auffange, das von der Theke springt, und wenn dann das Bier hineinläuft durch diese einzige sanfte Bewegung meiner Hand. Wenn ich später mit Sara ein bisschen tanze, weil die Halle jetzt leerer geworden ist.

Wir unternehmen viel zusammen. Sie sucht nach mir. Ich versuche ihr das zurückzugeben. Einmal fahren wir zusammen nach Dresden, kurz vor dem Winter. In der Neustadt sitzen wir in Cafés. Sie zeichnet, und ich schreibe auf Wegwerfpapier. Etwas muss ich doch tun.

Der Winter beginnt langsam und zieht sich dann hin. Schließlich wird es kalt und glatt. Ich muss das Fahrrad stehen lassen und steige in die U-Bahn. Beim Aussteigen erinnere ich mich an den Mann, der mir das letzte Mal, als ich mit der Bahn gefahren bin, nach der Arbeit in diese Haltestelle hinein gefolgt ist. In diese Station, die nur einen Ausgang hat. Ich habe Zöpfe getragen und eine weiße Mütze. Er hat die ganze Zeit von hinten auf mich eingeredet. Ich habe mein Buch aus der Tasche gezogen, um zu lesen. Aber seine Stimme ist zu laut gewesen. Er hat ganz nah gestanden und auf mich eingeredet. Niemand außer uns da.

Ich erinnere mich, als erinnerte ich mich an jemand anders. Daran wie ich aufstehe und ihn anschreie, dass er mich in Ruhe lassen soll. Ich weiß noch, dass ich zittere. Nicht vor Angst. Sondern aus der Erregung darüber, dass er mich stört, in meiner Ruhe. Dass er ungefragt eindringt in meinen Kokon, nach einem der Frauenschwoof-Abende, dessen hormonüberladene Enge noch in meiner Brust sitzt.

In seinen Augen erlischt etwas, sackt in sich zusammen. Er sagt noch drei Worte, setzt sich auf die andere Bank und ist still. Das Lesen gelingt mir nicht mehr. In mir bleibt die Wut. Bis ich zuhause bin. Dort ist sie verschwunden.

Als ich die Treppen am U-Bahn-Ausgang hinaufgehe, habe ich die Erinnerung zurückgelassen.

Am Ende dieses Abends nehme ich mir ein Taxi. Es tut mir Leid um das Geld. Doch Tom fährt mit. Er sitzt vorne, und wir reden nicht. Vor meinem Haus gebe ich ihm meinen Teil, steige aus. Als ich an der Tür bin, bemerke ich erst, dass er mir gefolgt ist. Er will wissen, ob er mitkommen kann. Ich muss ihn fragend angesehen haben. Offenbar wartet das Taxi noch, und Tom auf meine Antwort. Ich zucke mit den Schultern. Als er immer noch wartet, sage ich Ja.

Wir reden im Treppenhaus nicht und nicht, als ich aus dem Bad komme und in mein Bett steige. Ich wundere mich, dass er schon nackt darin liegt und streiche vorsichtig über die Piercings in seiner Brust. Dann lege ich einen Arm um ihn, ganz eng, und schlafe ein. Zwillinge in einer Eihaut, geht es mir noch durch den Kopf, ehe der Schlaf mich davonträgt.

Am nächsten Tag kündige ich. Ein paar Schichten bleiben mir. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, danach zu gehen. Aber Sara hat erst gestern gesagt, dass sie enttäuscht über unsere Freundschaft ist. Sie nennt mir Gründe, die ich nicht verstehe. Vielleicht ist es Zeit geworden. Vielleicht ist dies das letzte Ideogramm. Vielleicht gibt es doch irgendwo ein Ende.

 
 

Kältere Tage April 7, 2015

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 9:32 pm

 

An dem Tag, an dem Peter Sofie begegnete, schien die Sonne sehr hell. Der ganze März war schon warm gewesen, aber dieser Tag war klarer als die anderen. In Peters Büro hatte sich die Sonne in jeden Winkel gelegt. Unübersehbar in ihrer hellen und starken Präsenz überstrahlte sie jede Trübung des Wetters.

Im Kalender begann der Frühling, und Peter blickte auf eine lange, glückliche Zeit zurück. Nach einer Gehaltserhöhung verdiente er mehr als je zuvor, seine Arbeit war zugleich entspannter geworden. Sein Sohn ging seit dem neuen Jahr in die Kita, und seine Frau stieg so langsam in ihren Job wieder ein, dass sie noch genügend Zeit und Aufmerksamkeit für ihn übrig hatte. Sie gingen zusammen aus und waren sich so nah wie zuletzt in der Zeit ihrer Schwangerschaft.

Peter erledigte seine Arbeit mechanisch, aber nicht freudlos: Anrufe, Emails, Berechnungen, Internetrecherche. Zwischendrin ein kurzer Anruf bei seiner Frau. Nur ein paar Worte von Büro zu Büro. Er sah sie durch die Leitung lächeln. Das genügte ihm. Danach trug er ihr Lächeln durch den Rest des Tages.

In seiner Vormittagspause in der Kaffeeküche traf Peter zum ersten Mal auf Sofie. Sie sah ihn schüchtern an. Er streckte ihr die Hand hin: „Guten Tag, ich bin Peter. Sind Sie eine neue Kollegin?“

Sofie schüttelte den Kopf. Nein, ich hospitiere nur für den Tag …“

Lisa, die am Empfang arbeitete, kam herein und unterbrach sie. Im Handumdrehen machte sie die beiden miteinander bekannt und gleich darauf verschwand sie mit Sofie.

Während Peter weiter an seinen Zahlen arbeitete, trübte sich langsam sein Blick. Den ganzen gestrigen Tag war im Büro schon von nichts anderem als der Sonnenfinsternis die Rede gewesen. Da er sich nicht rechtzeitig um eine entsprechende Brille gekümmert hatte, blieb er an seinem Arbeitsplatz und arbeitete weiter, während die Kollegen sich auf dem engen Balkon sammelten. Er rückte ein wenig näher an den Bildschirm seines Computers. Ein bisschen fröstelte es ihn, aber es war nicht kälter geworden. Die schleichenden Veränderungen im Raum erschienen ihm unwirklich. Obwohl er wusste, dass sich draußen der Mond vor die Sonne schob, schien es ihm, als seien es seine Augen, die nachgaben. Der Himmel war wolkenlos, und die Sonne strahlte unvermindert klar in die Winkel des Büros.

Peter warf einen Blick auf das Bild seiner Frau und auf das Bild daneben, das sie mit seinem Sohn auf dem Schoß zeigte. Er suchte vergeblich nach Schatten auf den Fotos, die ihm erklärt hätten, warum die Bilder nun blass und unecht wirkten. Er versuchte sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit hielt ihn davon ab. Er fand keine rechte Orientierung in der veränderten Situation. Das Licht war nicht vergleichbar mit vorüberziehenden Wolken oder der Abenddämmerung. Es war, als würde seine Sehkraft ihn ganz allmählich verlassen.

Auch als sich langsam die eigentlichen Lichtverhältnisse wiederherstellten, kam es Peter so vor, als sei etwas von der Trübung zurückgeblieben. Er beschloss, früh in die Mittagspause zu gehen, und hoffte, danach wieder konzentrierter arbeiten zu können.

Auf der Treppe begegnete er Sofie. „Gehen Sie auch in die Mittagspause? Wollen Sie mich begleiten?“

Sofie sah sich um, als wartete sie auf Lisa, zuckte dann mit den Schultern und nickte. „Warum nicht“, sagte sie leise, offenbar immer noch schüchtern.

Das Essen verlief unspektakulär. Peter stellte fest, dass er sich mehr erhofft hatte. Außerdem stellte er verwundert fest, dass Sofie irgendetwas an sich hatte, das ihn interessierte. Sie war weder besonders schön, noch in anderer Weise auffallend, und er konnte sich dieses Interesse an ihr, nicht erklären. Das Gespräch, das er immer wieder aufgriff, geriet mehrmals ins Stocken. Sofie antwortete auf seine Fragen nur leise, kurz und und zögerlich. Am Ende schien es ihm, als sei sie froh, sich von ihm verabschieden zu können.

Ich muss noch eine Besorgung für Lisa machen“, entschuldigte sie sich, und Peter sah ihr nach, sah die schmale Frau mit den leicht eingezogenen Schultern, wie sie mit hastigen Schritten davonging. Ihre langen, glatten Haare tanzten kaum merklich über ihrem grauen Mantel, von dessen Farbe sie sich kaum abhoben.

Am nächsten Tag war es unverhofft kalt. Im Radio hieß es, dass es an manchen Orten geschneit hätte. Die Kälte hielt sich über das Wochenende und auch am Montag zog Peter den Mantel enger zusammen, während er wie gewohnt zwei Ubahntreppen auf einmal nahm. Oben angelangt wäre er fast in Sofie hineingestolpert, die noch schnell über die grüne Ampel laufen wollte, ehe sie umsprang.

Ich habe gestern etwas liegen lassen“, sagte sie fast entschuldigend und während sie davonlief.

In diesem Moment übernahm in Peter etwas anderes als sein Verstand die Regie. Ein innerer Plan, dessen Inhalt ihm selbst nicht bekannt war, trieb ihn nun an. Er wartete ab, bis Sofie ihn nicht mehr sehen konnte und folgte ihr mit ausreichendem Abstand. Gleichzeitig fischte er nach seinem Telefon in der Jackentasche und rief Lisa an. Sie solle seinem Chef bitte ausrichten, dass er einen Anruf von der Kita bekommen habe. Sein Sohn müsse abgeholt werden, und seine Frau sei nicht zu erreichen gewesen. Er würde sich später noch einmal melden.

Peter machte sich auf einen langen Weg gefasst, aber zu seinem Erstaunen schien Sofie nur wenige Straßen entfernt zu wohnen. Vor einem unrenovierten Haus blieb sie stehen und holte einen Schlüssel aus ihrer Tasche. Schräg gegenüber lag ein Café. Er bestellte sich ein Frühstück, nahm sich eine Zeitung und setzte sich ans Fenster. Wenn ich Pech habe, kommt sie nicht mehr aus dem Haus, ging es ihm durch den Kopf. Aber seine Gedanken waren nur Beiwerk, und er ließ sie ungehört ziehen.

Nach einer halben Stunde ging die Tür zum Hof auf. Sofie kam mit einem Fahrrad heraus. Hastig legte er das nötige Geld auf den Tisch, machte der Kellnerin ein Zeichen und lief über die Straße.

So ein Zufall. Eben habe ich gegenüber gefrühstückt. Wohnen Sie hier? Haben Sie es eilig? Kann ich sie ein Stück begleiten?“

Peter konnte nicht erkennen, ob Sofie aus Schüchternheit zögerte oder ob sie lieber abgelehnt hätte. Sie sagte nichts, blickte auf den Boden und ging dann langsam los. Da sie keine Anstalten machte, auf das Fahrrad zu steigen, begleitete er sie. Sie schwiegen eine Weile. Dann fragte Peter, wie es ihr gestern gefallen habe. Ob sie in der Firma anfangen wolle. Sofie antwortete so leise, dass er sie nicht verstand. Er ließ es sich nicht anmerken und stellte weiter Fragen, als könne er sich mit diesen Fragen an sie heran tasten. Sie blieb einsilbig und ihre Stimme dünn.

Ich muss los“, sagte sie schließlich zwei Straßenecken weiter, streifte Peter mit einem Blick und sah dann über seine Schulter hinweg. Es schien sie zu frieren unter ihrem dünnen Mantel. Sie zitterte kaum merklich. Peter sah wie seine Hand sich auf ihren Arm legte, sie zu sich heranzog. Er fühlte wie seine Lippen sich auf die ihren legten und stellte kein Erschrecken in sich darüber fest. Sofie wehrte ihn weder ab, noch erwiderte sie den Kuss. So wusste er schon kurz danach nicht mehr, ob es diese Berührung gegeben hatte. Sie war auf ihr Fahrrad gestiegen und grußlos davongefahren.

Einen Tag später, am Dienstag, klingelte Peter während seiner Mittagspause bei Sofie. Niemand machte auf, und er setzte sich wieder in das Café gegenüber. Er bestellte sich ein Bier, was er mittags sonst nie tat. Sofie kam nach Hause, bevor er hätte austrinken können. Diesmal vergaß er fast zu bezahlen, warf schnell noch ein paar Münzen auf den Tisch, viel zu viele, wie er später bemerkte, und sprang über die Straße. Gerade noch erwischte er sie am Ärmel, ehe das Tor zum Hof hinter ihr zufallen konnte. Er zog sie gleich an sich, das Fahrrad dazwischen, und küsste sie erneut. Wieder war es wie am Vortag, sie wehrte sich nicht und erwiderte auch nichts, und als er sie losließ war der Kuss schon verblasst. Peter wartete, bis sie das Fahrrad abgeschlossen hatte und folgte ihr dann wortlos die Treppe hinauf bis zu ihrer Wohnung. Sie sah ihn mit keinem Blick an. Erst an der Tür bemerkte er, dass sie einen verstohlenen Blick auf ihn aus dem Augenwinkel warf.

Sie siezten sich in den wenigen Sätzen, die sie miteinander sprachen. Viel später, als er sich wieder anzog, und sie sich die glatten Haare noch glatter strich, fragte er sie, ob sie nicht „du“ sagen wollten. Sie gab ihm keine Antwort. Vielleicht wägte sie es ab. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Da er es jetzt eilig hatte, ging er mit kurzem, unsicheren Gruß und zog die Tür hinter sich zu. Die Treppen hinunter begleitete ihn Sofies unergründlicher Blick. Einmal wandte er sich um, weil er nicht sicher sein konnte, dass sie nicht tatsächlich oben am Treppengeländer stand und ihm nachsah. Aber sie stand nicht dort.

Am Mittwoch trank er wieder ein Bier im Café, während er auf Sofie wartete. Und als sie kam, sah sie sich verstohlen um, so als schämte sie sich dafür. Fast wäre er vor ein Auto gelaufen. Und wieder erwischte er sie erst, kurz bevor die Tür zufiel, am Ärmel ihres dünnen Mantels. Weil sie ihn immer noch siezte, blieb er nun auch dabei. Diesmal war er noch schneller wieder zur Tür hinaus als am Tag zuvor. Er roch an seinem Hemd, bevor er die Jacke zuknöpfte, um sich zu vergewissern, dass Sofie keine Spuren an ihm hinterlassen hatte. Er konnte keine feststellen. Unwillkürlich fühlte er nach, strich über seine Handrücken, die sie zuletzt berührt hatte. Nicht einmal ein Schatten lag darauf.

Am Donnerstag wartete er umsonst auf Sofie, ungeduldig und ein wenig erschöpft saß er am Fesnter des kleinen Cafés. Einmal fragte er sich, ob er sie nicht gerade verpasst hatte. Ob das nicht ihr Rücken war, der eben vorbeigeeilt war. Aber er entpuppte sich als der Rücken einer anderen, etwas älteren Frau, auf deren Gesicht er kurz darauf einen Blick werfen konnte, als sie vor der kleinen Buchhhandlung stehen blieb.

Am Freitag erwischte Peter Sofie noch einmal. Etwas sagte ihm, dass er sie nur dieses Mal noch treffen würde. Seine Bewegungen und seine Worte waren hastig. Er fühlte sich gehetzt, als er mit ihr die Treppe hinauf ging. Atemlos kam er oben an, obwohl sie nicht schneller gegangen waren als an den anderen Tagen. Etwas anderes als sein Atem rang in ihm nach Luft. Etwas, das nach einer Gewissheit suchte, nach einem Halt, den er nicht fand. Er fühlte sich wie ein gejagtes Reh und versuchte die Rolle zu wechseln: Bleib bei mir“, sagte er, nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Wie die anderen Male hatte sie dabei fast keinen Laut von sich gegeben.

Sofie sah ihn einen Moment lang unverwandt an. Zum ersten Mal sah er die grüne Farbe ihrer Augen. Vielleicht leuchteten sie kurz auf, vielleicht bildete er es sich nur ein. Ihre Stimme war so leise wie immer: „Gehen Sie jetzt bitte“, sagte sie.

In der Tür aber tat sie etwas, das er nicht erwartet hätte. Sie strich ihm ganz vorsichtig über das Haar. So vorsichtig, dass er nachsehen musste, ob sie es tatsächlich tat. Noch einmal blickte sie ihm direkt in die Augen. Dann trat sie einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen. Peter konnte sich nicht entschließen zu gehen. Er hob die Hand, um anzuklopfen, dann ließ er sie doch nur über das Holz gleiten. Das Holz brannte unter seiner Haut.

Am Abend lag Peter schlaflos neben seiner Frau, die sich an ihn schmiegte wie in jeder Nacht. Er hatte seinen Sohn ins Bett gebracht, was er selten tat. Seine Glieder schmerzte ihn, und er fröstelte. Obwohl seine Frau so dicht bei ihm lag, konnte er sie nicht fühlen. Seine Haut war betäubt. Vielleicht ein leichtes Fieber, dachte er und wartete regungslos darauf, endlich in den Schlaf zu finden. Peter blieb gesund, aber er fühlte sich das ganze Wochenende über angeschlagen und blieb schlaflos.

 
 

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 9:27 pm

Am Montag schien wieder eine strahlende Sonne. Der Wind blieb kalt.

Mittags ging Peter mit Lisa essen. Lisa war gesprächig, und sie lachten wie gewöhnlich viel miteinander. Ganz nebenbei fragte er sie: „Und deine Freundin, wollte die nicht bei uns anfangen?“

Sie ist nur für ein paar Monate in der Stadt gewesen. In der Wohnung ihrer Schwester, die gerade im Ausland ist. Ich glaube am Wochenedne ist sie wieder weggezogen. Ich habe vergessen wohin.“

Wieder war dieser leise Gliederschmerz da. Er zog sich durch seinen Körper, die Sehnen entlang. Auch das Frösteln war nie ganz verschwunden. Sie liefen durch die Sonne zurück zum Büro und Peter stellte sich vor, wie er sich bei Lisa unterhakte. Als wäre es möglich, sich in ihr ansteckendes Lachen einzuhaken. Natürlich tat er es nicht. Sie waren nur Arbeistkollegen, und er nahm an, dass sie es unangemessen gefunden hätte.

Wo bist du denn eigentlich in den letzten Tagen mittags gewesen?“ fragte Lisa vor seiner Bürotür. Peter zuckte mit den Schultern, aber es war mehr ein Zusammenzucken, als hätte er gedankenlos etwas getan, und sie ihn dabei ertappt.

Wo bin ich gewesen? fragte er sich, als er allein in seinem Büro saß.

Das Frösteln blieb noch einige Wochen bei ihm. Noch ein paar Mal zuckt er mit den Schultern, als hätte man ihn erschreckt. Einmal war es seine Frau, die ihn fragte, wo er in der letzten Tagen mit seinen Gedanken sei. Einmal war es sein Sohn, der ihn ansah und auf eine Antwort wartete, zu der er die Frage nicht gehört hatte, und die er deshalb nicht geben konnte.

Nachts lag er oft lange wach. Es lag an der Kälte, die er nicht aus seinem Körper vertreiben konnte, die ihn am Einschlafen hinderte. Und in manchen Nächten, kurz bevor er endlich in den Schlaf glitt, schreckte er noch einmal hoch, weil plötzlich Sofie, deren Gesicht er tagsüber nicht erinnern konnte, ihn mit ihren grünen Augen geradewegs ansah.

 
 

Das Jahr der Erschöpfung März 11, 2012

Filed under: aktuelles,kurzgeschichten — cf @ 3:17 am

Herr R. ist wieder zu Besuch. Er kommt seit das Jahr sich neigt, täglich. Da er unerkannt durch die Tür schlüpft, bemerke ich seine Anwesenheit erst an meinem Mann, der hinter sich selbst verschwindet. Er hat Herrn R. mit nach Hause gebracht und schämt sich dafür. Aber da ich die Situation noch nicht verstehe, erkenne ich seine Scham nicht und begrüße ihn mit der üblichen, glühenden Lava an Vorwürfen. Meine Kräfte schwinden, seit Herr R. sich in unser Leben eingeschaltet hat, und ich mache meinen Mann dafür verantwortlich. Ich trage zuviel auf meinen Schultern und vor der Verzweiflung kommen die Anklage und die Wut.

Herr R. ist ein netter Familienmensch, Vater zweier Kinder, ein paar wenige Jahre jünger als wir. Gewissenhaft und loyal. Er wählt freundliche Worte im Umgang mit meinem Mann. Herr R. ist sein Vorgesetzter in einer Firma, in der es viele von seiner Sorte gibt, Männer und Frauen.

Dass Herr R. längst zwischen uns wohnt, bemerke ich erst, als das Jahr sich neigt. Monate lang sitzt er schon zwischen uns auf dem engen Sofa, liegt zwischen uns in unserem Bett, mischt sich in all unsere Gespräche. Diese Gespräche bestehen aus einer Anhäufung von Vorwürfen, die immer lauter werden, immer kränkender und unwiderruflicher. Ich bin nicht genug für meinen Mann da, sagt er. Er ist nicht genug für mich da, denke ich und sehe auf unser Kind und fühle den Schluckauf des nächsten in meinem Bauch; und sehe einen Alltag in der Endlosschleife, der mich langsam erdrückt, weil er nur noch Raum lässt für das, was erledigt werden muss. Ich bin eine Muttermaschine geworden.

 

Natürlich ist es zu einfach, Herrn R. für alles verantwortlich zu machen. Er ist nur ein kleines Rädchen in der tickenden Uhr. Aber er gibt sein Gesicht dafür her, darin erkannt zu werden. Kurz vor Weihnachten in der Zeit der Bestandsaufnahme bietet er sich endlich an als Erklärung, kurz bevor alles verloren ist: eine Ehe, unsere Gesichter, die Sicherheit der Kinder.

Aber um ihm gerecht zu werden, muss ich zugeben, dass es lange vor ihm anfing. Ungefähr als das letzte Jahr zu Ende ging und mir mein Mann und damit der Vater meines Kindes entglitt. Er entglitt in den Kampf mit der Chimäre, die aus seiner Arbeit entwuchs. Aus der überflüssigen Stelle, auf der er saß und in der es nichts zu tun gab, über die er aber beständige Rechenschaft abzulegen hatte. In einer Firma, die sich mit einem großen Namen und ungezählten beruflichen Möglichkeiten schmückte.

Dann kam die Versetzung in Herrn R.s „Team“.  Wir atmeten auf für ein paar Tage. Bis der Prozess begann, der sich uns erst viel zu spät in seiner Systematik zu erkennen gab. Die Firma, eine corporation, wie im gleichnamige Film beschrieben, arbeitet mit einem System der Selbsterhaltung. Dieses System greift, wo sich jemand allein durch seine bisherige unterdurchschnittliche Erfolgsquote dafür anbietet, kostengünstig verabschiedet zu werden. Es verfolgt das Ziel, ihn oder auch sie davon zu überzeugen, freiwillig die überflüssig gewordenen Stelle aufzugeben und zu gehen, ohne etwas dafür zu verlangen als den eigenen Frieden.

 

Wir bekommen die ersten unsichtbaren Besuche von Herrn R., und ich finde meinen Mann hinter ihm nicht mehr. Im Nachhinein denke ich unwillkürlich an die grauen Männer und wie es einen friert, wenn sie kommen. Nur geht es Herrn R. nicht um Zeit. Er benutzt sie für seine Verhandlungen, aber die Ware, die von ihm gehandelt wird, ist der Mammon. Und das goldene Kalb besitzt nicht einmal die Scham sich zu verstecken – im Gegensatz zu meinem Mann, was ich ihm zugute halte. Dem Kalb ist es egal, wer ihm dient, welche Gesichter der Mob trägt, der es umtanzt. Damit der Tanz weitergehen kann, muss manchmal einer abgestoßen werden. Möglichst unbemerkt. Möglichst so, dass keiner das Ritual dahinter entdeckt.

Herr B., der Vorgesetzte von Herrn R., ebenfalls ein goldenes Rädchen, und Herr R. laden meinen Mann nun regelmäßig zu einem Gespräch unter sechs Augen. Ihm werden Verbesserungsvorschläge für seine Vorgehensweisen unterbreitet. Ihm wird das tote Land, das er zu beackern hat, als wertvoll verkauft. Er muss tägliche Zahlen abliefern und arbeitet bis in die Nacht daran, diese zu erbringen. Sein Weg zur Arbeit beträgt eine Stunde. Zurück eine weitere. Seine Gleitzeit wird außer Kraft gesetzt und nun sieht er sein Kind morgens nicht mehr, das noch schläft, wenn er geht. Manchmal schläft es schon wieder, wenn er kommt.

 

Die Zeit der Schwangerschaftsübelkeit verbringen das Kind und ich mitten im Sommer auf dem Wohnzimmerteppich, wo ich wenigstens liegend mit ihm spielen kann.

Dann kommt die Zeit, in der ich einen weiteren Anlauf nehme. Die Übelkeit ist vorbei, ebenso die erste Phase der Schlaflosigkeit. Das Kind im Bauch setzt Energien frei bis in den Herbst hinein. Ich kämpfe gegen etwas in meinem Mann an, der immer öfter apathisch neben unseren Spielen sitzt. Oder vor dem Bildschirm. Aber ich ahne nicht, dass dieses Etwas längst in mir selbst ist. Herr R. lässt es uns da bei jedem seiner Besuche, die sich nun häufen. Es ist die Erschöpfung nach der unermüdlichen Bemühung gegen die Umstände.

Mein Mann wird immer wieder krank. Ich ersticke in Wäsche, Windeln, Einkäufen, Essensversorgung und unter seinen Monologen über das, womit er sich geistig am Leben hält. Ich leiste mir keine geistigen Ausbrüche aus dem Alltag und vergönne sie ihm.

Der Anlauf, den ich genommen habe, versiegt, weil ich die Spur verliere. Mein ermüdeter Lauf findet nunmehr außer Konkurrenz statt. Wir bauen uns Bunker. Jeder einen für sich, denn wir leben in einer Zeit der atomaren Bedrohung. Jetzt lässt sich kein Hehl mehr daraus machen.

 

Ich bewache den Schlaf unseres Kindes wie in seinen ersten Wochen, weil ich nachts wieder schlaflos liege. Seine Hand greift manchmal nach mir und klammert sich an den Halt, den ich ihm nicht ersetzen kann. Es braucht Eltern, nicht eine Mutter, die in ihren Vorwürfen dem Vater gegenüber langsam erstarrt, weil die Kraft schwindet, wenn die Beschimpfungen grob und die Unterstützung klein und unberechenbar wird. Ich übe den Szenenwechsel; das Kind beschützen um jeden Preis, das unter den Streitereien, die immer heftiger werden, verstummt, abfedern, was sich nicht abfedern lässt. Die Scham angesichts dieses Selbstbetrugs. Mein Herz zerbricht. Eine staubige Erosion.

Ich beruhige das Kind in seinem Schlaf. Es lässt sich trösten, aber beruhigt ist es nicht. Wenn mein Mann apathisch ist, schickt es ihn aus dem Zimmer, möchte es nichts mit ihm zu tun haben. Mir dämmert jetzt, dass es nicht ihn, sondern den ungebetenen Besuch von Herrn R. zu vertreiben versucht.

Ich habe ein Jahr lang an meinem Mann herumgerüttelt. Ich hatte  Angst, er würde uns verpassen, seine Kinder und mich. Dann habe ich mich der Wut anvertraut und die Wortgefechte verwandelten sich langsam in einen Krieg, erst elementar, dann nuklear. Ich verliebte mich aus Sehnsucht und Müdigkeit in einen anderen Mann, der alles war, was ich vermisste: liebevoll, aufmerksam, einfühlsam im Umgang mit Kindern und anderen Menschen. Ich packte nach acht Jahren Ehe zum ersten Mal meine innerlichen Koffer, nachdem mein Mann mir schon seit einem Jahr damit drohte. Und obwohl niemand wusste von meiner schmerzhaften Sehnsucht unter dem Bauch, den ich immer größer vor mir her schob.

Das Kind ist wieder verstummt zwischen uns, noch zu klein um sich für eine Seite entscheiden zu können, in meinem Arm, der sich anfühlte wie ein Betrug um Wärme und Nähe.

 

Dann erbricht das Kind. Wir sitzen im Taxi und ich fange mit bloßen Händen auf, was es von sich gibt, um die Sitze zu schonen. In der Nacht geht es weiter. Ich wache auf mit dem Blick auf die sprudelnde kleine Fontäne neben mir. Dreimal noch müssen wir die Laken und die Kleidungen wechseln.

Stundenlang putzen wir, tagelang sitzen wir zwischen den Bergen an Wäsche, während das Kind von uns beiden bewacht wird mit den Augen der Angst und wieder der Scham. Aber unsere Bunker sind zu stabil geraten. Keiner öffnet dem anderen die Tür. Das Kind sucht sich eine Orientierung, wo es keine geben kann. Als ich weine, sagt es, dass ich nicht traurig sein muss, weil es auf mich aufpasst. Wie immer finde ich schlagartig in die Fassung zurück. Aber ich weiß: der Schaden ist schon passiert, wenn das Kind die Eltern beschützen muss.

 

In einer Nacht endlich bricht auch mein Vulkan aus. Die Lava kommt mir aus allen Poren geschossen. Kein Halten mehr. So schlimm wie seit zwanzig Jahren nicht. Mein Mann muss Sonderurlaub beantragen, und ich esse tagelang nichts mehr. Dann kommen die Tränen, und die graue Asche nach der Verwüstung. Neben der Frage, wofür man solange standgehalten und sich in Tapferkeit geübt hat, wo man doch weiß, dass jeder Krieg letztendlich nur Verlierer kennt. Ich esse nun Zwieback, trinke Wasser und blicke durch ein vergittertes Fenster in meine Tage hinein, wenn sie beginnen.

 

Erst als schon alles von mir abgefallen ist, auch die letzte Hoffnung, derer ich doch voll zu sein habe in meinen anderen Umständen, hört einer von uns plötzlich die goldene Uhr ticken. Wir sehen uns das Uhrwerk genauer an und finden die vielen kleinen Rädchen darin, ineinander verzahnt. Von einem Tag auf den anderen erkennen wir Herrn R., wenn er einzutreten begehrt, und verweigern ihm den Einlass in unsere Wohnung. Er versucht es durch die Telefonleitung, den Briefschlitz und natürlich über das Internet. Aber unser Kind, das wir nicht beschützen konnten, hat uns jetzt ausgestattet mit einem mächtigen Schild gegen jeden Trojaner. Jetzt schafft es nur das leere Pferd noch zu uns, die Hülle. Der Reiter bleibt endlich vor der Tür.

 

Unser Kind zittert im Schlaf und träumt Wortfetzen: „Papa … Arbeit“. Ich flüstere, um es nicht zu wecken: „Nein, der Papa ist hier und er bleibt jetzt hier und muss ganz lange nicht arbeiten.“ Dank der Krankschreibung bis zur Niederkunft, die keine mehr sein wird. Wir sind jetzt bereit, dem Wunder einer Schöpfung beizuwohnen, wie es jedem Kind gebührt.

Herr R. kommt mir plötzlich vor wie einer von uns. Einer, an dem man sich hat bedienen können. Die, die sich bedienen, lassen sich nicht genau fassen. Vielleicht weil sie ein Teil von uns allen sind, der sich anderen Götzen verpflichtet hat als der Liebe zu uns selbst.

Wir verabschieden die Götzen zur Weihnachtszeit, obwohl wir nicht christlich sind. Aber dazu ist diese Zeit da: für den Neubeginn und die Hoffnung unter dem Herzen. Und einen Frieden, der nicht zweifelhaft ist. Den man nicht in Kauf nimmt, weil man dazu gezwungen wird. Sondern einen Frieden wie er sich einstellt, wenn über die verwüstete Landschaft und die Asche ganz leise ein erster unerwarteter, weicher Schnee fällt.

 
 

… damit diese Seite beschrieben würde … April 25, 2008

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Der Tag an dem sie R kennen lernte, war ein Tag kurz vor Beginn des Frühlings. Sie hatte gerade damit aufgehört, ihren Beruf zu lieben. Sie war Schauspielerin.

Es hatte damit angefangen, dass sie die Rolle der Julia nicht bekam. Die Julia war die erste Rolle gewesen, die sie schon als Kind gelernt und ihrer Mutter bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit aufgesagt hatte. Während die Mutter kochte, tänzelte sie um sie herum. „Hier bin ich, gnäd’ge Mutter! Was beliebt?“

Keine Rolle kannte sie besser als diese. Keine hatte sie in so vielen verschiedenen Variationen probiert. Die Kollegin, der man sie schließlich gab, schien ihr zu gewöhnlich. Abgesehen von ihrem Lächeln. Dieses Lächeln war tatsächlich bezaubernd. Es war kunstvoll aufgesetzt. Wer so ein Lächeln aufsetzen konnte, der hatte alle für sich gewonnen. Ihr hatte man im selben Stück die Rolle der Rosalinde angeboten. Natürlich hatte sie sie ausgeschlagen und von dem Tag an jegliche Leidenschaft für das Spielen verloren. Nur eine wehmütige Liebe blieb.

Einmal wurde sie eingesetzt im Kindertheater, was sie früher strikt verweigert hatte, weil sie Kinder hasste. Jetzt hasste sie diese Kinder nicht mehr. Sie waren ihr gleichgültig, so wie ihr alles andere immer gleichgültiger wurde, was mit ihrem Beruf zu tun hatte. Während der letzten Aufführungen fühlte sie, dass sie krank wurde, und tatsächlich lag sie im Anschluss zwei Wochen lang im Bett.

 

An dem Tag, an dem sie R kennen lernte, war sie schließlich an den Tiefpunkt einer inneren Erschöpfung gelangt und hatte beschlossen aufzugeben, ihren Beruf aufzugeben, der irgendwann einmal ihre große Liebe und Leidenschaft gewesen war. Mit diesem Entschluss hatte sie sich besser gefühlt und war endlich aus dem Bett aufgestanden.

Beim Einkaufen war ihr die Julia über den Weg gelaufen und hatte sie angelächelt. Aus dem Lokalteil der Zeitung und zunehmend auch aus den überregionalen Blättern wusste sie, dass die Julia eine Rolle nach der anderen bekam. Jeder der Kritiker kam früher oder später in seiner Rezension auf ihr längst berühmt gewordenes Lächeln zu sprechen. Mit diesem Lächeln stand die Julia jetzt vor ihr und sah so aus, als wolle sie sie im nächsten Moment umarmen. Zum Glück stand der Einkaufswagen dazwischen.

Die Julia lud sie ein auf eine ihrer Partys, von denen sie sicher schon gehört habe. Sie sagte Ja und schob ihren Wagen schnell weiter. Seit dem Entschluss am Morgen war ihr alles recht.

Abends verbrachte sie wieder Stunden vor dem Spiegel und spürte etwas von der Leidenschaft, die ihr abhanden gekommen war, als sie sich die Lippen und Nägel blutrot malte und den blassen Puder auflegte zu ihrem schwarzen Haar.

Sie kam als eine der letzten. R war der erste, den sie sah. Die Tür der Wohnung stand offen, und sie wären beinahe zusammen gestoßen. Er entschuldigte sich, sie lachte ihn an, und er hielt sie ganz einfach fest. Dann ließ er sie wieder los und ging in eins der Zimmer.

Später setzte er sich zu ihr. Noch später verschwanden sie zusammen im Bad, bis draußen jemand immer lauter und immer ungeduldiger klopfte.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fand sie sich neben der Julia in deren Bett wieder. Die Julia lag nackt und Arm in Arm mit einem Mann da, halb nur von einem Laken bedeckt. Ihr war übel, und sie wollte aufstehen, aber schon bei der geringsten Bewegung wurde ihr schwindelig. Also beschloss sie liegen zu bleiben und ganz einfach abzuwarten.

Lange schwebte sie zwischen Schlafen und Wachen. Irgendwann war das Bett neben ihr leer. Kurz darauf kam die Julia ins Zimmer und stellte ihr eine Flasche Wasser ans Bett. Danach trat sie nicht wieder auf. Es war später Abend, als sie sich so weit bei Kräften fühlte, dass sie nach Hause gehen konnte.

 

An R hatte sie nicht mehr gedacht, überhaupt hatte sie an nichts gedacht. Als sie zu Hause ihr Band abhörte, war dort eine Nachricht von ihm. Sie glaubte nicht an Begegnungen, die rückwärts verliefen und gleich mit dem Ende begannen. Als sie ihn trotzdem zurückrief, schien er regelrecht verliebt. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, aber es gefiel ihr, und auch er fing an, ihr zu gefallen. Sie trafen sich. Ein paar Mal und dann jeden Tag.

R studierte Medizin im zwölften Semester. Sie fragte nach seiner Ausrichtung, er sagte, sein Vater sei Gynäkologe und wolle ihn in seine Praxis aufnehmen, aber er wisse es selbst noch nicht genau.

Es fing etwas für sie an, das sie schon fast vergessen hatte und das sie an die alte Leidenschaft für ihren Beruf erinnerte. Es hatte mit den Tagen zu tun, die nicht mehr gleichförmig waren, sondern immer neu, in jeder Stunde, jedem Moment. Es gab wieder diese kleinen Wunder, die so lange ausgeblieben waren. Der Geruch der Bäume, die Farben der Wolken. Eine fremde Frau, die sie auf der Straße im Vorbeigehen anlächelte. Ein Kind, das sie grüßte. Einmal schlug sie ein Buch auf und fand einen Satz, der tot war und atmen konnte.

Sie hatte sich lange nicht mehr so gefühlt. Sie hatte dieses Gefühl der Leichtigkeit so lange nicht gekannt, dass sie es vergessen hatte, und es war, als hätte sie einen alten Bekannten wiedergetroffen nach langer Zeit. Manchmal fragte sie sich, ob sie in diesen Bekannten nicht sogar mehr verliebt war als in R, aber dann sagte sie sich, dass es, wie auch immer, R schließlich zugute käme, und dachte nicht weiter darüber nach.

R lernte, und sie grub alte Stücke aus und fing an, Texte zu probieren, die sie immer schon hatte spielen wollen. Sie verbrachte ihre Tage jetzt damit, in ihrer oder seiner Wohnung auf und ab zu laufen und sich die Texte vorzusprechen. Zwischendurch hängte sie sich ans Telefon und erzählte einer ihrer Freundinnen stundenlang von R.

Sie waren regelmäßig auf den Partys der Julia, die immer häufiger stattfanden und immer größer wurden. Manchmal kam es vor, dass sie direkt von einer Julia-Party weiter zur nächsten Party gingen, und dann machten sie den Umweg bei ihr oder ihm vorbei, gelangten manchmal nicht einmal bis ins Schlafzimmer, weil sie schon im Flur aneinander gerieten, zogen sich wenig später schnell wieder an, rückten hastig Haare oder Schminke zurecht und zogen weiter.

 

 
 

… damit diese Seite beschrieben würde … (II)

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Irgendwann bemühte sie sich auch wieder um Vorsprechen an verschiedenen Theatern. Sie machte das wie nebenbei, nahm es ernst, aber nicht wichtiger als alles andere in diesen Tagen. Ihr Publikum waren nicht Regisseur oder Intendant, ihr Publikum war R, dem sie abends alles haarklein erzählte und für den sie dort auf der Bühne stand und spielte. Und R bewunderte sie.

Nach ein paar Wochen sagte R, er könne sie jetzt nicht mehr jeden Tag sehen, er habe demnächst eine Prüfung, die er dieses Mal unbedingt bestehen müsse. Es machte ihr nichts, sie sahen sich immer noch oft, und dass er sich in seiner Zuneigung ein bisschen zurücknahm, schob sie auf die Prüfung. Immer noch tanzte sie durch ihre und seine Wohnung und gefiel sich in jeder Rolle gut. Schließlich bot man ihr die Miranda aus dem Sturm an. Das Angebot kam von einem Haus in der Nähe, sie konnte abends in ihre Stadt zurückfahren, und sie sagte Ja. Sie stürzte sich in die Arbeit, begeistert, und erzählte R davon, der sich freute und endlich einmal wieder lächelte.

Ihr war gar nicht aufgefallen, dass R nicht mehr lachte, dass er schweigsamer geworden war und ihr keine Komplimente mehr machte. Er musste ja lernen für seine Prüfung, und sie versuchte ihn zu unterstützen, indem sie ihn immer öfter in Ruhe ließ, auch wenn sie manchmal noch nebeneinander einschliefen. Sie gingen immer seltener zu den Julia-Partys, und auch das fiel ihr zunächst gar nicht auf, denn richtig erwärmen konnte sie sich auch dann nicht für die Julia, nachdem R ihr gesagt hatte, sie sei eine langjährige Bekannte von ihm.

Sie sah weniger von R und träumte mehr von ihm. Oft ging sie abends früher ins Bett, nur um noch eine Weile vor dem Einschlafen wach liegen zu können und sich in Träume hinein zu phantasieren, die sich dann im Schlaf fortsetzten. Wenn ihr ein Traum besonders gut gefallen hatte, nahm sie ihn am nächsten Abend wieder auf und träumte ihn weiter. R erzählte sie nichts von diesen Fortsetzungsträumen.

Einmal träumte sie davon schwanger zu sein. Von heute auf morgen hatte sie einen kugelrunden Bauch. Mit dem stand sie vor ihrem Schlafzimmerspiegel, als die Tür aufging und R hereinkam. Sie hatte ein ganz warmes Gefühl, und es kam ihr so vor, als würde das Kind mit ihr sprechen in einer Sprache, die nur aus Ahnungen und Empfindungen bestand. Und sie antwortete ihm. R allerdings verhielt sich merkwürdig. Er war ins Zimmer gekommen, um sich auf das Bett zu legen. Dort lag er regungslos. Und dann sagte er einen einzigen Satz: „Ich muss nicht bestehen.“ Diesen Satz wiederholte er mehrmals, immer lauter, bis er sich von seinem reglos auf dem Bett liegenden Körper löste und als anschwellendes Echo durch den Raum sprang, immer ohrenbetäubender. Sie wachte auf von dem Geräusch des Presslufthammers vor ihrem Fenster. Die Bauarbeiter hatten ihre Arbeit von gestern wieder aufgenommen.

Sie vergaß den Traum. Er fiel ihr erst am Tag darauf wieder ein, während R neben ihr auf dem Bett lag. Er lag mit dem Gesicht zur Wand. Sie stand vor dem Schlafzimmerspiegel und sah zu ihm hin. Da war die Erinnerung an den Traum ganz plötzlich und jäh wieder da. Instinktiv hielt sie sich die Ohren zu und fast hätte sie geschrieen. Aber R rührte sich nicht, und auch der Presslufthammer war nicht zu hören. Es war Mittag, und die Arbeiter machten gerade ihre Pause.

Und dann weinte sie und konnte nicht mehr aufhören und wusste nicht, was mit ihr los war. Sie rannte aus dem Zimmer, schnappte sich ihren Miranda-Text, warf ihn in ihre Tasche und lief aus dem Haus in Richtung des nächstgelegenen Parks, lief und lief, bis sie dort atemlos ankam, und hielt erst inne vor einer Bank. Sie setzte sich.

Sie rang noch nach Luft, als sie längst den Text auf ihren Knien liegen hatte und ihn anstarrte, ohne ihn zu verstehen. ‚… ich will mir wehtun! und in die Wunde greifen und sie aufreißen wie einen blutenden Mund.’ Sie starrte den Text an, bis sie bemerkte, dass da zwar eine Miranda vor ihr lag, aber nicht die von Shakespeare. In der Eile hatte sie nach dem Weißen Fächer gegriffen. Ihr war auf einmal übel, vielleicht war sie zu schnell gelaufen. Sie musste sich übergeben, schaffte es gerade noch bis zum Gebüsch und war dankbar dafür, dass niemand sie beobachtete. Schließlich saß sie wieder erschöpft auf der Bank und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Nur schnell wieder nach Hause, dachte sie, konnte sich aber nicht bewegen, war plötzlich so schwach. ,An diesen rächt sich das Dasein, so wie es sich immer rächt …’

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Neben ihr stand plötzlich eine alte Frau, sah sie besorgt an. „Sie sind so blass. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Sie schüttelte den Kopf, lächelte die Frau an, hatte noch die Kraft zu sagen: „Das ist nett, danke.“ Dann wurde ihr schwindelig, und sie schloss die Augen. ‚… und erdrückt einen kleinen Vogel oder bricht ein welkes Blatt vom Baum …’ Der Boden zog sich unter ihren Füßen zurück. Sie konnte nichts dagegen tun. Als sie die Augen wieder aufmachte, stand die Frau immer noch da. „Sie sollten nach Hause gehen. Ich begleite Sie ein Stück, wenn Sie wollen.“


Die Frau begleitete sie bis vor ihre Tür, ging dabei selbst am Stock und sehr langsam, aber dieses langsame Tempo war gerade richtig. Die alte Frau fragte nichts mehr, konzentrierte sich auf ihre Schritte und hielt ihren Arm so, als dürfe man sich im Notfall darauf stützen. An der Tür sagte sie: „Jetzt machen Sie aber, dass Sie ins Bett kommen!“ Dann ging sie an ihrem Stock die ganze lange Straße wieder hinunter, die sie zusammen heraufgekommen waren, ohne sich noch einmal umzusehen.

R war nicht mehr da. Sie vermutete ihn in der Bibliothek, war zu müde, darüber nachzudenken, legte sich gleich auf das Bett, den Blick weggewandt vom Schlafzimmerspiegel, und schloss die Augen. Draußen hatte wieder der Lärm angefangen. ‘Du machst dich schuldig, auf eine geheime Weise schuldig.’ Sie stellte fest, dass sie R vermisste, stellte sich vor, dass er neben ihr läge, griff nach seiner Hand und fand nur das Kissen, das sie festhielt, umklammert wie ein kleines Kind. So schlief sie ein.

„Ich tue dir unrecht.“ R ist nur wiedergekommen, um ihr zu sagen, dass er geht. Er hat sie geweckt und ihr über das Haar gestrichen mit einer fremden Hand. Sie macht die Augen gleich wieder zu. Warum gehorchen die Träume ihr nicht mehr. Warum fangen sie an, ihr weh zu tun. Sie möchte diesen missratenen Traum noch einmal zurückspulen. Es gelingt nicht, er läuft weiter. Sie hört, wie R seine riesige Tasche aus ihrem Schrank holt und alles hineinpackt, was sich von seinen Sachen in ihrer Wohnung angesammelt hat. Sie kneift immer noch die Augen zusammen, konzentriert auf das Zurückspulen des Traums, das nicht funktionieren will. Draußen der Presslufthammer. Ihr wird wieder übel, sie läuft ins Bad und stößt im Flur mit R zusammen, der sie besorgt ansieht. „Was ist mit dir?“ Sie antwortet nicht, wirft die Badezimmertür zu, muss sich wieder übergeben und bleibt lange im Bad auf den Knien vor der Kloschüssel sitzen, wieder schweißüberströmt. Das ist doch nur ein Traum, warum hört er denn nicht auf. Wenn wenigstens jemand da wäre, der sie jetzt an die Hand nehmen, ihr wieder aufhelfen könnte, der sie an R vorbei aus dieser Wohnung führen würde. ,Geh, geh, du wirst erst lernen es liebhaben.’ Sie hörte das Telefon klingeln, und sprang auf, wusch sich in aller Eile das Gesicht.

Es war Felix, ihr Kollege, ihr Ferdinand, der sie fragte, ob sie die eine Passage noch einmal durchsprechen könnten. „Hast du Zeit?“ Ja, ja, sie hatte Zeit. Gleich jetzt hatte sie Zeit. Nur eine Kleinigkeit habe sie noch zu erledigen, aber das sei schnell getan.

R legte ihr ein Foto von ihr hin. „Willst du das wiederhaben, oder kann ich es behalten?“ Auf einmal war alles weg, die Übelkeit, die Schwäche, der Traum. Sie schnappte sich das Foto, riss es in der Mitte durch, warf es in den Papierkorb und stierte ihn dabei unverwandt an. Kein Wort brachte sie heraus, starrte ihn nur an, und es schien ihr, als duckte R sich ein wenig unter ihrem Blick. Schließlich sagte sie: „Kannst du nicht schneller packen? Ich bekomme gleich Besuch.“

Dann ging sie zurück zum Telefon, wählte eine Nummer nach der anderen und erwischte ein oder zwei Freundinnen, die sie lange nicht gesprochen hatte. Sie erzählte ihnen von ihrer neuen Rolle und von ihrem Ferdinand. Sie verabredete sich mit der einen oder anderen und schien jetzt äußerst gut gelaunt, fühlte sich leicht wie lange nicht mehr und frei wie in der allerersten Zeit mit R.

R war verärgert. Aber an der Tür trug sie einen Moment lang Wasser in den Augen, weil ihr einfiel, wie R zum ersten Mal durch diese Tür hereingekommen war. Da hatte er auf einmal viele Sätze für sie, mehr als er je gehabt hatte. Dass es ihm Leid tue und mindestens genauso schwer falle wie ihr, aber er könne nun einmal nichts daran ändern, das sei alles.

Ihr verging das Wasser gleich wieder, und am liebsten hätte sie ihn hinausgeschoben. Als er endlich weg war und die Tür hinter ihm zu, machte sie drei Kreuze, lief zum Spiegel, zupfte sich zurecht, schminkte nach, wo die Schminke gelitten hatte, und setzte Teewasser auf. Jetzt wartete sie auf Felix, hatte schon ihren Text zur Hand und war ganz vergnügt.

 

 

 
 

… damit diese Seite beschrieben würde … (III)

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Der Abend mit Felix war ausgelassen. Sie hatte lange nicht mehr so intensiv gearbeitet und so viel dabei gelacht. Nur erwähnte sie irgendwann ihre Übelkeit. Vielleicht hätte sie das besser nicht getan. Felix sah sie besorgt an. „Bist du vielleicht schwanger?“ Sie zuckte zusammen. „Nein, nein. Ganz ausgeschlossen.“ Schwanger? Wieder verschwamm ihr die Grenze zu ihren Träumen. Ihr war plötzlich kalt, und sie zitterte leicht. Felix bemerkte es und nahm sie in den Arm. Sie beruhigte sich und entschlüpfte ihm. Es war nur, dass ihr alles außer Kontrolle geriet und sie nichts mehr verstand. Sie fand sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht. Das erklärte sie Felix und hatte dabei wieder ganz strahlende Augen und die Kraft von vorhin.

Als sie abends im Bett lag, konnte sie lange nicht schlafen. Das ging auch die nächsten Nächte so. Bis sie in einer Nacht schließlich aufstand und Felix anrief. Sie entschuldigte sich umständlich für die Uhrzeit und fragte ihn dann, ob er das ernst gemeint habe. Ob die Übelkeit vielleicht tatsächlich mit einer Schwangerschaft zusammenhängen könne. Felix war Vater von einem kleinen Sohn, und seine Frau war gerade zum zweiten Mal schwanger, er musste also Bescheid wissen.

„Willst du nicht einen Test machen?“

„Nein, nein, bitte nicht!“ hörte sie sich sagen und weinte schon wieder plötzlich und hemmungslos. Sie wusste nicht so genau, warum sie das jetzt gesagt hatte, und setzte hinzu, dass sie einfach nicht mehr weiterwisse. „Soll ich vorbeikommen?“ „Nein, ist schon gut. Ich werde ihn morgen machen, diesen Test.“ Sie ging wieder ins Bett und lag noch lange wach.

Sie war tatsächlich schwanger. Eine Woche später wusste sie es sicher. Sie weinte jetzt ununterbrochen, hatte angefangen, R heftig zu vermissen, hatte aufgehört, sich dagegen zu wehren, und wollte um so weniger, dass er etwas davon erfuhr. Als sie einmal der Julia begegnete, war sie zum Glück gerade mit Felix unterwegs und lachte ausnahmsweise aus ganzer Seele. „Komm doch mal wieder vorbei.“ Wusste die Julia irgendetwas, oder bildete sie sich nur ein, dass sie verwundert schien über ihre gute Laune.

„Keine Zeit im Moment. Ich arbeite.“ Sie ließ die Julia stehen, hakte sich bei Felix unter und musste hinter der nächsten Straßenecke schon wieder hemmungslos weinen. „Felix, ich will das Kind nicht. Es ist eine Unmöglichkeit. Verstehst du das? Ich ertrage es nicht.“

Einmal saß sie bei Felix und seiner Frau in der Küche. Die beiden hatten aufgehört, sie überzeugen zu wollen, dass sie das Kind behalten müsse um jeden Preis, weil das Kind doch viel mehr sei als nur ein Vermächtnis. Sie hatte gar nicht zugehört. Lange schon hatte sie nur noch da gesessen, ganz still, und nichts mehr gehört. Irgendwann stellte Felix’ Frau sich neben sie und strich ihr über den Arm. „Wenn du willst, komme ich mit. Kennst du einen Arzt?“ Sie schüttelte den Kopf, und Felix’ Frau holte das Telefonbuch.

Es war die Entscheidung eines winzigen Moments. Sie hätte auch anders ausfallen können, wenn sie nicht an diesem Namen hängen geblieben wäre und nicht plötzlich wieder die Wut da gewesen wäre und ihr Lachen. Sie spürte wieder diese Kraft und diese Leichtigkeit und hatte schon den Finger unter den Namen gelegt, hatte schon einen Stift in ihrer Tasche gefunden und ihren Kalender aufgeschlagen. „Hier. Den kenne ich. Der ist gut. – Und du brauchst nicht mitzukommen. Das ist sehr nett von dir, aber ich glaube, ich gehe lieber alleine.“ Felix’ Frau strich ihr noch einmal über den Arm. „Wenn du mich doch brauchen solltest, ruf mich jederzeit an.“

Aber sie brauchte Felix’ Frau tatsächlich nicht. Es war ganz leicht den Termin zu machen. Und ein paar Tage später saß sie schon im Wartezimmer und konnte an nichts anderes denken als daran, wie er wohl aussah. Ob er auch dunkle Haare hatte, ob er klein oder groß war und wie alt. Als er schließlich vor ihr stand, war sie enttäuscht. Er hatte eins von den Gesichtern, die man sofort vergisst. „Weshalb kommen Sie zu mir?“

Sie hatte ihn unverwandt angestarrt, bisher aber noch nichts gesagt. Er schien ungeduldig zu werden, setzte sich schon zum zweiten Mal in seinem Stuhl zurecht. Schließlich musste sie gesprochen haben, denn er war aufgesprungen. „Das mache ich nicht. Gehen Sie! Ich mache keine Abtreibungen. Da sind Sie an der falschen Adresse.“

Nie hatte sie etwas so bestimmt gewollt. Sie hatte daher vorher gar nicht darüber nachgedacht, dass er ablehnen könnte. „Aber ich will es, und Sie müssen das verstehen. Ich zahle Ihnen alles dafür …“ Und weil er schwieg und keine Miene bewegte, konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Mit ihren Tränen brach jäh ein Schweigen aus. Etwas geriet ins Stocken. „Verzeihen Sie …“

Sie weinte nicht lange, fasste sich wieder, nahm wortlos ihre Tasche und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Er hatte es nicht verstanden. Sie hatte es ausmerzen wollen. Ausmerzen, das war es. Sie hatte sich erhofft, dass er ihr dabei helfen würde. Warum sie sich das von einem Mann erhofft hatte, den sie persönlich nie kennen gelernt hatte, wusste sie nicht. Sie hatte die ganze Zeit über daran denken müssen, dass er Prokofjew über alles liebte. Das hatte R ihr erzählt.

Jetzt stand sie auf der Straße und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, es gab plötzlich keinen Weg mehr. Ihr Bauch war ihr zur unerträglichen Last geworden, und sie merkte an dem Blick eines Passanten, dass sie wieder weinte. Sie entschied sich wahllos für eine Richtung und lief lange mit ihrer Last durch die Straßen.

Die nächsten Tage verbrachte sie im Bett, schlief oder starrte gegen die Decke, ging nicht ans Telefon, aß nichts. Den ersten Tag über dachte sie noch daran, das Kind anderswo loszuwerden und Felix und seine Frau anzurufen, aber sie fühlte sich zu schwach, um den weiten Weg bis zum Telefon zu finden. Am zweiten Tag überlegte sie, was passieren würde, wenn sie einfach immer so liegen bliebe, ohne sich je wieder zu rühren, das Gesicht weggewandt vom Spiegel. Am dritten Tag hörte sie auf zu denken, und am vierten machte sie erste Anstalten, in einen normalen Alltag zurückzukehren.

Sie hatte sich nicht für das Kind entschieden, sie hatte die Entscheidung hinausgeschoben. So weit hinaus, dass es zu spät sein würde sich noch einmal umzuentscheiden. Sie versuchte das zu ignorieren. Aber das Kind fing an, mit ihr in dieser Sprache zu sprechen, die es auch in ihrem Traum mit ihr gesprochen hatte. Sie hielt sich die Ohren zu. Nur machte das keinen Sinn, weil die Stimme innen war.

Einmal ertappte sie sich dabei, wie sie neben dem Telefon saß, als wartete sie auf etwas. Sie blieb lange einfach so dasitzen, rührte sich nicht und schlief schließlich ein. Als sie aufwachte, lag sie neben dem Telefon mit der Hand auf ihrem Bauch, und sie erschrak, weil sie sich an der kleinen Wölbung festgehalten hatte, die dort jetzt war.

Von da an ertappte sie sich immer öfter mit der Hand am Bauch. Sie ertappte sich dabei, wie sie über die Wölbung strich oder wie sie sich der Stimme von innen für einen Moment hingab, ihr sogar antwortete. Schließlich ging es so weit, dass sie anfing zu singen, wenn sie alleine war, oder Geschichten zu erzählen, als sei noch jemand im Raum. Es kam vor, dass sie Verabredungen und Einladungen darüber vergaß.

Einmal traf sie die Julia. Da war sie gerade vor einer Auslage im Schaufenster eines Kinderbekleidungsgeschäfts stehen geblieben. Die Julia hatte zum Glück nichts bemerkt, war zu beschäftigt damit, sie zu überschütten mit Neuigkeiten. „Meine letzte Julia ist ein so großer Erfolg mittlerweile – hast du schon gehört? Es wird zusätzliche Vorstellungen geben. Das Publikum liebt mich! Und ich komme gar nicht mehr dazu, meine eigenen Partys zu machen, weil ich dauernd woanders eingeladen bin …“ Die Julia hörte gar nicht mehr auf zu reden, sah übernächtigt aus, und ihr Lächeln hatte gelitten unter ihrem Erfolg. Während die Julia redete, fragte sie sich, wie das ging, dass eine Erfolg haben konnte mit einem Lächeln, das daran verloren ging, und trotzdem blühte der Erfolg weiter. Sie war weitergegangen, hatte, ohne es zu bemerken, die Julia stehen lassen. Das Kind hatte angefangen mit ihr zu sprechen. Mittlerweile verstummte für sie alles andere, sobald das Kind anfing mit ihr zu sprechen in dieser fremden und einfachen Sprache ohne Klang.

Sie hatte einmal Felix’ Frau danach gefragt. Die hatte gelacht und gesagt, nein, das hätte sie so nicht erlebt, aber sie sei auch nie so empfindlich gewesen in ihrer Wahrnehmung. Die Proben waren ein Traum, aber sie geriet nicht außer sich darüber, freute sich ganz einfach und machte weiter.

Ihr war das Foto, das sie vor Rs Augen zerrissen und in den Papierkorb geworfen hatte, wieder in die Hände gefallen. Sie hatte den Papierkorb im Vorbeigehen umgestoßen, und da lag zwischen anderen Papieren die eine Hälfte vor ihren Füßen. Sie suchte nach der anderen Hälfte und machte sich daran, das Foto wieder zusammenzukleben. Es gelang, aber der Riss blieb sichtbar, und das Lachen auf dem Foto hatte jetzt einen Knick. Ihr gefiel es besser so. Mit dem feinen Knick sah das Lachen verwundert aus.

Eines Nachts wachte sie auf mit Schmerzen. Sie rief Felix an und seine Frau, die sofort bei ihr vorbeikamen. Da hatte sie das Kind schon verloren.

Erst Monate später traf sie R wieder. Sie wunderte sich selbst, dass sie ihm nicht früher schon begegnet war. Und sie wunderte sich, dass sie irgendwann aufgehört hatte, das festzustellen. Jetzt war es schon so lange her, dass sie zum letzten Mal daran gedacht hatte. Er hielt ihr ein paar Worte hin, unsicher. Sie nahm sie und gab andere zurück, die sich beliebig einfanden, während sie mit den Gedanken anderswo war. Er erwähnte die Julia und grinste unsicher dabei, halb glücklich, halb schuldig und gar nicht geheimnisvoll. Es berührte sie nicht. Während ihr Mund weiter Worte formte, folgte sie einer dumpfen Erinnerung an eine andere Sprache, die sie eine Zeitlang gesprochen hatte und die alle übrigen Sprachen daneben so unbeholfen erscheinen ließ. Sie fragte R nach der Prüfung. „Nicht bestanden.“ Auch seine Antwort war ein hilfloser Satz. Er geisterte ihr noch eine Weile im Kopf herum: „Nicht bestanden.“

Schließlich ging sie, und schon im gleichen Moment wusste sie nicht mehr, ob sie sich tatsächlich mit R unterhalten hatte oder nicht. Sie spürte, dass er sich noch einmal nach ihr umsah, aber sie ließ seinen Blick an ihrem Rücken abgleiten, zu müde, um sich selbst noch einmal zurückzuwenden. ‚Worte, eine Begegnung am Kreuzweg, drei durcheinandergehende Erinnerungen, ein Traum …’ Es regte sich nichts mehr. Fast nichts.

 

 
 

Hätte ich Hände

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Auszug aus Hätte ich Hände

beerenverlag, Frankfurt am Main 2003

ISBN: 3-929198-398

Preis 9,- €

in jeder Buhchandlung erhältlich oder zu bestellen über

beerenverlag, Frankfurt a.M.

info@beerenverlag.de

Fax: 069-61 00 95 60 

Musik

 Lele hatte das Kind an. Sie trug es wie ein Kleid. Durch die Straße. Sie lehnte sich in die Blicke der Passanten. Lele mit ihrem schönen Kind. Das schöne Kind an Lele.

Lele nannte das Kind Kind. Vielleicht hatte sie seinen Namen vergessen, vielleicht vergaß sie ihn immer nur für den Moment, in dem es darauf ankam, das Kind beim Namen zu nennen. „Kind. Wir gehen jetzt einkaufen.“ Sie zog sich das Kind an und ging durch die Straße und die Blicke der Passanten.

Las lag noch im Bett und schlief, wenn sie das Kind nahm und ging. Vielleicht würde er wach sein, wenn sie zurückkam mit einer Tüte am Arm, neben das Kind gehängt, mit einem Beutel am anderen Arm, aus dem oben der Lauch herausstand.

Wenn Lele einkaufen gegangen war, schlief Las anders, als wenn sie noch neben ihm lag. Er floss dann in die Laken hinein, vergoss sich über das Bett, schwamm bis an die Ränder. Vielleicht wäre er ganz verschwunden, wenn Lele sich das Kind nicht für die Blicke der Passanten und zum Einkaufen angezogen hätte. Lele wusste nichts von seiner Angst verlassen zu werden. Lele verließ ihn nicht. Wenn Las in seinem letzten Traum an die Bettkante stieß, fiel die Tür schon wieder ins Schloss.

Lele kam jedesmal zurück mit einem dünnen Lied. Sie stellte Wasser in einem Topf auf die Flamme des Gasherds, drehte sich um zu dem Kind, das sie abgestellt hatte zwischen den Einkäufen auf dem Tisch. Sie strich sich das Haar aus der Stirn und sammelte den Blick aus der Weite ein. Wie sie das immer tat- Das Kind wartete auf ihre müden Augen, damit es sich einhaken konnte. Das Kind war geduldig. Wenn es Leles Blick gefasst hatte, lächelte es. Dann sagte Lele „Kind. Geh deinen Vater wecken.“ Das Kind konnte mit seinen kleinen Beinen nicht allein vom Tisch herunter. Darum stellte Lele es auf den Boden und holte mit dem nächsten Griff das Gemüse aus den Taschen. Die Uhr über dem Tisch zeigte oft 2, wenn Lele nach dem Gemüse griff. Sie sang dünn und leise weiter, wo sie vorher aufgehört hatte. An der abgerissenen Note griff sie das Lied wieder auf und wusch dabei das Gemüse, schnitt es klein.

Das Kind stand im Türrahmen und sah dem Wasser zu, das aus dem Hahn lief. Es legte den Kopf auf das Stuhlkissen und versuchte Lele nachzusingen. Lele schnitt Zwiebeln in die Pfanne, legte Öl dazu, warf Salz in das Wasser im Topf, wusch sich die Hände und strich sich das Haar aus der Stirn, um den Blick wieder sammeln zu können. „Kind. Ist dein Vater wach?“ Das Kind nickte stolz.

Las war unter seiner Haut zusammengeflossen. Er blinzelte aus dem Fenster, griff nach dem T-Shirt neben dem Bett, ging übergangslos aus dem Laken in das T-Shirt hinein. Er stand noch nicht und hatte schon Hose und Socken an, den Pullover in der Hand. Die Zwiebeln aus der Küche lagen ihm in der Nase und er hörte das Wasser aus dem Hahn, mit dem Lele sich die Hände wusch. Das Wasser lief ihm durch die Augen und er wurde wach im Blick. Bevor er sich das Fenster in den  Rücken drehte, machte er Musik an im Zimmer. Er hatte das Kind gehört und spielte ihm Noten zu durch die Tür zur Küche hin.

Las stand neben dem Kind, die Hand streichend in dem kleinen Nacken, der sich in das Stuhlkissen drückte. Die Zwiebeln verteilten sich durch den Raum und Lele war stumm geworden hinter ihrem Rücken. Im Wasser kochten die Nudeln.

Lele nannte das Kind Kind. Las nannte es Lelo. Vielleicht hatte auch er den Namen des Kindes vergessen. „Wie geht es dir, Lelo.“ Das Kind sah durch seinen Nacken hindurch auf die streichende Hand. Es wusste, dass es nicht zu antworten brauchte, weil das keine Frage war.

Las hatte sich auf die Bank gesetzt. Leles Rücken rührte. Dann lief wieder das Wasser, Leles Hand strich Haare aus der Stirn, und mit dem mühsam eingefangenen Blick drehte sie sich um. In ihrem Rücken kochten jetzt die Nudeln unter dem Wasserschaum.

Lele schob Tüte und Beutel an den Tischrand, die schlaff zur Seite kippten. Dann beugte sie sich über die glattstumpfe Fläche und küsste Las aufs Auge. Als hätte sie den Mund so schnell nicht gefunden. Las hielt still. „Lelo, machst du die Musik lauter?“ Das Kind hob den Kopf aus dem Kissen und machte nebenan die Musik lauter. „Wie Wasser ist die Musik.“ Lele schwieg und saß neben Las und seinem linken Auge, das feucht war und wach. Sie hatte seine Hand in ihrer, ließ sich die kalten Finger über den Handrücken schwimmen.

„Nach dem Essen muss ich arbeiten. Heute wird es nicht so spät. Stell das Kind bei meiner Mutter ab, wenn du vorbeikommst. Suchst du dir heute eine Arbeit.“ Wenn die Uhr etwa 20 nach 2 zeigte, sagte Lele diese Sätze, als wären sie jetzt fällig. Und als wären sie jedes Mal neu. Zu den ersten Sätzen nickte Las. Zu dem letzten brauchte er nichts zu sagen.

Lele stand nach den Sätzen auf und rührte wieder in der Pfanne. Das Kind krabbelte zu Las, und Las strich über seinen Nacken mit den Fingern, die sich von ihm lösten und beim Streichen zerrannen.

Wenn die Zwiebeln auch nach Gemüse rochen, drehte Lele das Feuer unter den Nudeln ab und goss sie in ein Sieb. Las griff in den Schrank neben der Bank nach den drei Tellern und gab dem Kind den kleinsten. Dann griff Las in die Schublade über seinen Knien und legte die Gabeln neben die Teller. Für das Kind die kleinste. Lele brachte das Brett, auf dem sie die dampfende Pfanne abstellte. Dann wusch sie sich die Hände und rutschte zu Las, bis sie wie zufällig an ihn stieß. Das Kind schob den Teller zum Dampf hin, und während Lele die Teller füllte und die Pfanne leerte und den Dampf verteilte, sagte Las. „Diese Musik ist wie Wasser.“