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Hätte ich Hände April 25, 2008

Filed under: kurzgeschichten — cf @ 9:41 pm

Auszug aus Hätte ich Hände

beerenverlag, Frankfurt am Main 2003

ISBN: 3-929198-398

Preis 9,- €

in jeder Buhchandlung erhältlich oder zu bestellen über

beerenverlag, Frankfurt a.M.

info@beerenverlag.de

Fax: 069-61 00 95 60 

Musik

 Lele hatte das Kind an. Sie trug es wie ein Kleid. Durch die Straße. Sie lehnte sich in die Blicke der Passanten. Lele mit ihrem schönen Kind. Das schöne Kind an Lele.

Lele nannte das Kind Kind. Vielleicht hatte sie seinen Namen vergessen, vielleicht vergaß sie ihn immer nur für den Moment, in dem es darauf ankam, das Kind beim Namen zu nennen. „Kind. Wir gehen jetzt einkaufen.“ Sie zog sich das Kind an und ging durch die Straße und die Blicke der Passanten.

Las lag noch im Bett und schlief, wenn sie das Kind nahm und ging. Vielleicht würde er wach sein, wenn sie zurückkam mit einer Tüte am Arm, neben das Kind gehängt, mit einem Beutel am anderen Arm, aus dem oben der Lauch herausstand.

Wenn Lele einkaufen gegangen war, schlief Las anders, als wenn sie noch neben ihm lag. Er floss dann in die Laken hinein, vergoss sich über das Bett, schwamm bis an die Ränder. Vielleicht wäre er ganz verschwunden, wenn Lele sich das Kind nicht für die Blicke der Passanten und zum Einkaufen angezogen hätte. Lele wusste nichts von seiner Angst verlassen zu werden. Lele verließ ihn nicht. Wenn Las in seinem letzten Traum an die Bettkante stieß, fiel die Tür schon wieder ins Schloss.

Lele kam jedesmal zurück mit einem dünnen Lied. Sie stellte Wasser in einem Topf auf die Flamme des Gasherds, drehte sich um zu dem Kind, das sie abgestellt hatte zwischen den Einkäufen auf dem Tisch. Sie strich sich das Haar aus der Stirn und sammelte den Blick aus der Weite ein. Wie sie das immer tat- Das Kind wartete auf ihre müden Augen, damit es sich einhaken konnte. Das Kind war geduldig. Wenn es Leles Blick gefasst hatte, lächelte es. Dann sagte Lele „Kind. Geh deinen Vater wecken.“ Das Kind konnte mit seinen kleinen Beinen nicht allein vom Tisch herunter. Darum stellte Lele es auf den Boden und holte mit dem nächsten Griff das Gemüse aus den Taschen. Die Uhr über dem Tisch zeigte oft 2, wenn Lele nach dem Gemüse griff. Sie sang dünn und leise weiter, wo sie vorher aufgehört hatte. An der abgerissenen Note griff sie das Lied wieder auf und wusch dabei das Gemüse, schnitt es klein.

Das Kind stand im Türrahmen und sah dem Wasser zu, das aus dem Hahn lief. Es legte den Kopf auf das Stuhlkissen und versuchte Lele nachzusingen. Lele schnitt Zwiebeln in die Pfanne, legte Öl dazu, warf Salz in das Wasser im Topf, wusch sich die Hände und strich sich das Haar aus der Stirn, um den Blick wieder sammeln zu können. „Kind. Ist dein Vater wach?“ Das Kind nickte stolz.

Las war unter seiner Haut zusammengeflossen. Er blinzelte aus dem Fenster, griff nach dem T-Shirt neben dem Bett, ging übergangslos aus dem Laken in das T-Shirt hinein. Er stand noch nicht und hatte schon Hose und Socken an, den Pullover in der Hand. Die Zwiebeln aus der Küche lagen ihm in der Nase und er hörte das Wasser aus dem Hahn, mit dem Lele sich die Hände wusch. Das Wasser lief ihm durch die Augen und er wurde wach im Blick. Bevor er sich das Fenster in den  Rücken drehte, machte er Musik an im Zimmer. Er hatte das Kind gehört und spielte ihm Noten zu durch die Tür zur Küche hin.

Las stand neben dem Kind, die Hand streichend in dem kleinen Nacken, der sich in das Stuhlkissen drückte. Die Zwiebeln verteilten sich durch den Raum und Lele war stumm geworden hinter ihrem Rücken. Im Wasser kochten die Nudeln.

Lele nannte das Kind Kind. Las nannte es Lelo. Vielleicht hatte auch er den Namen des Kindes vergessen. „Wie geht es dir, Lelo.“ Das Kind sah durch seinen Nacken hindurch auf die streichende Hand. Es wusste, dass es nicht zu antworten brauchte, weil das keine Frage war.

Las hatte sich auf die Bank gesetzt. Leles Rücken rührte. Dann lief wieder das Wasser, Leles Hand strich Haare aus der Stirn, und mit dem mühsam eingefangenen Blick drehte sie sich um. In ihrem Rücken kochten jetzt die Nudeln unter dem Wasserschaum.

Lele schob Tüte und Beutel an den Tischrand, die schlaff zur Seite kippten. Dann beugte sie sich über die glattstumpfe Fläche und küsste Las aufs Auge. Als hätte sie den Mund so schnell nicht gefunden. Las hielt still. „Lelo, machst du die Musik lauter?“ Das Kind hob den Kopf aus dem Kissen und machte nebenan die Musik lauter. „Wie Wasser ist die Musik.“ Lele schwieg und saß neben Las und seinem linken Auge, das feucht war und wach. Sie hatte seine Hand in ihrer, ließ sich die kalten Finger über den Handrücken schwimmen.

„Nach dem Essen muss ich arbeiten. Heute wird es nicht so spät. Stell das Kind bei meiner Mutter ab, wenn du vorbeikommst. Suchst du dir heute eine Arbeit.“ Wenn die Uhr etwa 20 nach 2 zeigte, sagte Lele diese Sätze, als wären sie jetzt fällig. Und als wären sie jedes Mal neu. Zu den ersten Sätzen nickte Las. Zu dem letzten brauchte er nichts zu sagen.

Lele stand nach den Sätzen auf und rührte wieder in der Pfanne. Das Kind krabbelte zu Las, und Las strich über seinen Nacken mit den Fingern, die sich von ihm lösten und beim Streichen zerrannen.

Wenn die Zwiebeln auch nach Gemüse rochen, drehte Lele das Feuer unter den Nudeln ab und goss sie in ein Sieb. Las griff in den Schrank neben der Bank nach den drei Tellern und gab dem Kind den kleinsten. Dann griff Las in die Schublade über seinen Knien und legte die Gabeln neben die Teller. Für das Kind die kleinste. Lele brachte das Brett, auf dem sie die dampfende Pfanne abstellte. Dann wusch sie sich die Hände und rutschte zu Las, bis sie wie zufällig an ihn stieß. Das Kind schob den Teller zum Dampf hin, und während Lele die Teller füllte und die Pfanne leerte und den Dampf verteilte, sagte Las. „Diese Musik ist wie Wasser.“

 

 

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