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Eine ferne Galaxie Juni 12, 2016

Filed under: aktuelles — cf @ 10:45 pm

 (2.Preis Autorenforum Berlin 2015)

Im Fenster fliegt ein Flugzeug durch die Nacht. Ich sitze in der Küche: Mitte-Mutti, Anfang vierzig, graue Strähnen im Haar, alleinerziehend, zwei Kita-Jungs, Weiterbildung im Fernlehrgang, Hartz IV.

Ich sitze in der Küche, weil ich es noch nicht ins Bett geschafft habe. Es steht nur wenige Meter von mir entfernt, die Wohnung ist klein. Abends dehnt sie sich aus. Zwischen hier und dort die Unendlichkeit. Auf dem Tisch noch das Raumschiff des Älteren. Ich steige ein und verliere mich in einem schwarzen Loch.

Eine Stunde später ist mein Gesicht so glatt wie die Tischplatte, an der Stelle, an der ich darauf geschlafen habe. Meine Hand hält ein Legolichtschwert umfasst. Mein Blick klärt sich mühsam, fällt auf mein nächstes Gegenüber, den Kühlschrank.

Der Kühlschrank“, denke ich, „ist leer.“

Dieser lapidare Gedanke löst in mir dieselbe Müdigkeit aus, aus der ich eben komme. Der glatte Tisch gewinnt an Anziehungskraft.

Heute nicht zuständig sein, morgen nicht zuständig sein, übermorgen nicht mehr zuständig sein. Das ist mein Mantra. Der Kühlschrank kennt es, versteckt höflich sein Gähnen und schweigt.

Sein Schweigen provoziert mich. Ich denke lauter: Heute nicht zuständig sein, morgen nicht zuständig sein, übermorgen nicht mehr zuständig sein. Keine Reaktion.

Ich weiß, dass er nicht viel zu verbergen hat: eine letzte Möhre, einen Rest Tomatenmark, Milch für den Kaffee und Senf. Zäpfchen gegen Verstopfung, Schmerztabletten im oberen Fach der Schranktür, zwei Kühlpads.

Ich werde vorwurfsvoll: „Wir haben so viel zusammen durchgemacht: Die Pseudo-Krupp-Nächte, in denen mein Älterer in dich hineingebellt hat, weil der Husten sonst den Hals verschließt und umschlingt. Mein Zittern davor. Die Decken mit denen wir uns ein Lager gebaut haben, bis der Atem zurückkam. Weißt du nicht mehr!“ Ich frage nicht, ich befehle das Zuhören.

Weißt du nicht mehr – später: seine unzähligen schmerzhaften Verstopfungen ein halbes Jahr lang. Die Eifersuchtskämpfe der Kinder, Kühlpads verabreicht wie Schleuderware. Mein gekrümmter Griff nach den Schmerztabletten, als der Rücken mich im Stich gelassen hat!“

Immer noch keine Reaktion. Spiegelglatt ist die Einbauküchenkühlschranktür. Nie mit dem Schrank verbunden worden.

Mein Fuß stößt gegen etwas. Ein klackendes Geräusch, weggestoßenes Plastik trifft auf ein Tischbein. Ich entlasse den Kühlschrank aus dem einseitigen Gespräch, bücke mich und finde ein weiteres Raumschiff aus Duplo. Eigenbau des Kleineren. Ich hebe es auf. Das Fenster blickt mir verstohlen über die Schulter.

Bereit machen zum Angriff“, höre ich die Kinder, die in ihren Betten schlafen. Ich kenne die Parolen auswendig. Ich schließe die Augen. Bevor ich wieder einnicke, schüttle ich mich wie einen Baum. Kein Träumelein fällt herab, aber der Entschluss, das Bett aufzusuchen.

Das Bett ist noch kein Bett. Ich muss es erst verwandeln. Auf das Sofa den Zauberstab legen. Ein paar Sterne sprüht er um sich, dann ist es bereit.

Als ich gerade eingeschlafen bin, klingelt das Telefon, erreicht mich drüben auf einem anderen Stern. So viele Vorwürfe springen durch die Leitung, dass ich gleich weiß, wer es ist: der Verlassene.

Ich sehe auf die Krater um mich und denke zufrieden: Das scheint der Mond zu sein. Weit genug entfernt von den Worten, die mir nicht gerecht werden. Ich stelle das Telefon schlaftrunken in seine Station, mitten in einen Satz hinein. Ab jetzt wälze ich mich in den Laken herum, bis ich so wütend über mein Wachsein bin, dass ich in die Küche zurück schlurfe. Ich schlurfe, um nicht davongetragen zu werden mangels Erdanziehungskraft.

Ich koche Schlaftee, den süßen. Mein Sortiment ist groß. Dazu eine Wärmflasche. Man weiß nie, was noch kommt. Dann liege ich wieder wach.

Noch einmal in der Küche trage ich es mit dem Kühlschrank aus: Ich reiße die Tür auf und schreie ihn an. So laut, dass ich statt seiner erschrecke.

Als ich ihn schließe, stehen zwei Astronauten hinter mir, verschlafen, verängstigt.

Was war das, Mama?“

Ich denke solange nach, dass ich vergesse zu antworten. Zum Glück kennen sie das. Schließlich sage ich doch noch: „Ich.“

Sie nicken, alles in Ordnung. Zwei Hände schlüpfen in meine.

Ihr müsst schlurfen“, erkläre ich. „Damit wir nicht davonschweben.“

Was ist schlurfen, Mama?“ fragt der Kleine. Ich mache es vor. Wir schlurfen zurück.

Wenn ihr in euren Betten liegt, fliegen wir zu den Sternen. Sucht euch ein Raumschiff aus.“
Eine Tür verbindet unsere Zimmer. Wir funken uns zu: „Anschnallen! Angeschnallt?“

Zweimal: „Ja.“

Alles bereit zum Abflug?“

Jetzt gleichzeitig: „Ja.“ Und: „Angriff!“

Den Angriff gibt es immer. Er gehört dazu wie das Anschnallen.

Ich wünsche angenehme Träume. Wir fliegen in eine ferne Galaxie.“

Gute Nacht, Mama“, funkt es zurück.

Ich klettere in meine Kapsel, in voller Montur. Neben mir wartet schon mein Bräutigam. Die Kinder steuern, ich lehne mich zurück. Mein Raumanzug ist weiß wie ein Hochzeitskleid. Wen wir angreifen, muss ich nicht wissen. Mein Bräutigam ist die Zeit. Heute Nacht entschwinden wir gemeinsam in den unendlich sich dehnenden Raum.

 

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