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… damit diese Seite beschrieben würde …

 

Der Tag an dem sie R kennen lernte, war ein Tag kurz vor Beginn des Frühlings. Sie hatte gerade damit aufgehört, ihren Beruf zu lieben. Sie war Schauspielerin.

Es hatte damit angefangen, dass sie die Rolle der Julia nicht bekam. Die Julia war die erste Rolle gewesen, die sie schon als Kind gelernt und ihrer Mutter bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit aufgesagt hatte. Während die Mutter kochte, tänzelte sie um sie herum. „Hier bin ich, gnäd’ge Mutter! Was beliebt?“

Keine Rolle kannte sie besser als diese. Keine hatte sie in so vielen verschiedenen Variationen probiert. Die Kollegin, der man sie schließlich gab, schien ihr zu gewöhnlich. Abgesehen von ihrem Lächeln. Dieses Lächeln war tatsächlich bezaubernd. Es war kunstvoll aufgesetzt. Wer so ein Lächeln aufsetzen konnte, der hatte alle für sich gewonnen. Ihr hatte man im selben Stück die Rolle der Rosalinde angeboten. Natürlich hatte sie sie ausgeschlagen und von dem Tag an jegliche Leidenschaft für das Spielen verloren. Nur eine wehmütige Liebe blieb.

Einmal wurde sie eingesetzt im Kindertheater, was sie früher strikt verweigert hatte, weil sie Kinder hasste. Jetzt hasste sie diese Kinder nicht mehr. Sie waren ihr gleichgültig, so wie ihr alles andere immer gleichgültiger wurde, was mit ihrem Beruf zu tun hatte. Während der letzten Aufführungen fühlte sie, dass sie krank wurde, und tatsächlich lag sie im Anschluss zwei Wochen lang im Bett.

 

An dem Tag, an dem sie R kennen lernte, war sie schließlich an den Tiefpunkt einer inneren Erschöpfung gelangt und hatte beschlossen aufzugeben, ihren Beruf aufzugeben, der irgendwann einmal ihre große Liebe und Leidenschaft gewesen war. Mit diesem Entschluss hatte sie sich besser gefühlt und war endlich aus dem Bett aufgestanden.

Beim Einkaufen war ihr die Julia über den Weg gelaufen und hatte sie angelächelt. Aus dem Lokalteil der Zeitung und zunehmend auch aus den überregionalen Blättern wusste sie, dass die Julia eine Rolle nach der anderen bekam. Jeder der Kritiker kam früher oder später in seiner Rezension auf ihr längst berühmt gewordenes Lächeln zu sprechen. Mit diesem Lächeln stand die Julia jetzt vor ihr und sah so aus, als wolle sie sie im nächsten Moment umarmen. Zum Glück stand der Einkaufswagen dazwischen.

Die Julia lud sie ein auf eine ihrer Partys, von denen sie sicher schon gehört habe. Sie sagte Ja und schob ihren Wagen schnell weiter. Seit dem Entschluss am Morgen war ihr alles recht.

Abends verbrachte sie wieder Stunden vor dem Spiegel und spürte etwas von der Leidenschaft, die ihr abhanden gekommen war, als sie sich die Lippen und Nägel blutrot malte und den blassen Puder auflegte zu ihrem schwarzen Haar.

Sie kam als eine der letzten. R war der erste, den sie sah. Die Tür der Wohnung stand offen, und sie wären beinahe zusammen gestoßen. Er entschuldigte sich, sie lachte ihn an, und er hielt sie ganz einfach fest. Dann ließ er sie wieder los und ging in eins der Zimmer.

Später setzte er sich zu ihr. Noch später verschwanden sie zusammen im Bad, bis draußen jemand immer lauter und immer ungeduldiger klopfte.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fand sie sich neben der Julia in deren Bett wieder. Die Julia lag nackt und Arm in Arm mit einem Mann da, halb nur von einem Laken bedeckt. Ihr war übel, und sie wollte aufstehen, aber schon bei der geringsten Bewegung wurde ihr schwindelig. Also beschloss sie liegen zu bleiben und ganz einfach abzuwarten.

Lange schwebte sie zwischen Schlafen und Wachen. Irgendwann war das Bett neben ihr leer. Kurz darauf kam die Julia ins Zimmer und stellte ihr eine Flasche Wasser ans Bett. Danach trat sie nicht wieder auf. Es war später Abend, als sie sich so weit bei Kräften fühlte, dass sie nach Hause gehen konnte.

 

An R hatte sie nicht mehr gedacht, überhaupt hatte sie an nichts gedacht. Als sie zu Hause ihr Band abhörte, war dort eine Nachricht von ihm. Sie glaubte nicht an Begegnungen, die rückwärts verliefen und gleich mit dem Ende begannen. Als sie ihn trotzdem zurückrief, schien er regelrecht verliebt. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, aber es gefiel ihr, und auch er fing an, ihr zu gefallen. Sie trafen sich. Ein paar Mal und dann jeden Tag.

R studierte Medizin im zwölften Semester. Sie fragte nach seiner Ausrichtung, er sagte, sein Vater sei Gynäkologe und wolle ihn in seine Praxis aufnehmen, aber er wisse es selbst noch nicht genau.

Es fing etwas für sie an, das sie schon fast vergessen hatte und das sie an die alte Leidenschaft für ihren Beruf erinnerte. Es hatte mit den Tagen zu tun, die nicht mehr gleichförmig waren, sondern immer neu, in jeder Stunde, jedem Moment. Es gab wieder diese kleinen Wunder, die so lange ausgeblieben waren. Der Geruch der Bäume, die Farben der Wolken. Eine fremde Frau, die sie auf der Straße im Vorbeigehen anlächelte. Ein Kind, das sie grüßte. Einmal schlug sie ein Buch auf und fand einen Satz, der tot war und atmen konnte.

Sie hatte sich lange nicht mehr so gefühlt. Sie hatte dieses Gefühl der Leichtigkeit so lange nicht gekannt, dass sie es vergessen hatte, und es war, als hätte sie einen alten Bekannten wiedergetroffen nach langer Zeit. Manchmal fragte sie sich, ob sie in diesen Bekannten nicht sogar mehr verliebt war als in R, aber dann sagte sie sich, dass es, wie auch immer, R schließlich zugute käme, und dachte nicht weiter darüber nach.

R lernte, und sie grub alte Stücke aus und fing an, Texte zu probieren, die sie immer schon hatte spielen wollen. Sie verbrachte ihre Tage jetzt damit, in ihrer oder seiner Wohnung auf und ab zu laufen und sich die Texte vorzusprechen. Zwischendurch hängte sie sich ans Telefon und erzählte einer ihrer Freundinnen stundenlang von R.

Sie waren regelmäßig auf den Partys der Julia, die immer häufiger stattfanden und immer größer wurden. Manchmal kam es vor, dass sie direkt von einer Julia-Party weiter zur nächsten Party gingen, und dann machten sie den Umweg bei ihr oder ihm vorbei, gelangten manchmal nicht einmal bis ins Schlafzimmer, weil sie schon im Flur aneinander gerieten, zogen sich wenig später schnell wieder an, rückten hastig Haare oder Schminke zurecht und zogen weiter.

Irgendwann bemühte sie sich auch wieder um Vorsprechen an verschiedenen Theatern. Sie machte das wie nebenbei, nahm es ernst, aber nicht wichtiger als alles andere in diesen Tagen. Ihr Publikum waren nicht Regisseur oder Intendant, ihr Publikum war R, dem sie abends alles haarklein erzählte und für den sie dort auf der Bühne stand und spielte. Und R bewunderte sie.

Nach ein paar Wochen sagte R, er könne sie jetzt nicht mehr jeden Tag sehen, er habe demnächst eine Prüfung, die er dieses Mal unbedingt bestehen müsse. Es machte ihr nichts, sie sahen sich immer noch oft, und dass er sich in seiner Zuneigung ein bisschen zurücknahm, schob sie auf die Prüfung. Immer noch tanzte sie durch ihre und seine Wohnung und gefiel sich in jeder Rolle gut. Schließlich bot man ihr die Miranda aus dem Sturm an. Das Angebot kam von einem Haus in der Nähe, sie konnte abends in ihre Stadt zurückfahren, und sie sagte Ja. Sie stürzte sich in die Arbeit, begeistert, und erzählte R davon, der sich freute und endlich einmal wieder lächelte.

Ihr war gar nicht aufgefallen, dass R nicht mehr lachte, dass er schweigsamer geworden war und ihr keine Komplimente mehr machte. Er musste ja lernen für seine Prüfung, und sie versuchte ihn zu unterstützen, indem sie ihn immer öfter in Ruhe ließ, auch wenn sie manchmal noch nebeneinander einschliefen. Sie gingen immer seltener zu den Julia-Partys, und auch das fiel ihr zunächst gar nicht auf, denn richtig erwärmen konnte sie sich auch dann nicht für die Julia, nachdem R ihr gesagt hatte, sie sei eine langjährige Bekannte von ihm.

Sie sah weniger von R und träumte mehr von ihm. Oft ging sie abends früher ins Bett, nur um noch eine Weile vor dem Einschlafen wach liegen zu können und sich in Träume hinein zu phantasieren, die sich dann im Schlaf fortsetzten. Wenn ihr ein Traum besonders gut gefallen hatte, nahm sie ihn am nächsten Abend wieder auf und träumte ihn weiter. R erzählte sie nichts von diesen Fortsetzungsträumen.

Einmal träumte sie davon schwanger zu sein. Von heute auf morgen hatte sie einen kugelrunden Bauch. Mit dem stand sie vor ihrem Schlafzimmerspiegel, als die Tür aufging und R hereinkam. Sie hatte ein ganz warmes Gefühl, und es kam ihr so vor, als würde das Kind mit ihr sprechen in einer Sprache, die nur aus Ahnungen und Empfindungen bestand. Und sie antwortete ihm. R allerdings verhielt sich merkwürdig. Er war ins Zimmer gekommen, um sich auf das Bett zu legen. Dort lag er regungslos. Und dann sagte er einen einzigen Satz: „Ich muss nicht bestehen.“ Diesen Satz wiederholte er mehrmals, immer lauter, bis er sich von seinem reglos auf dem Bett liegenden Körper löste und als anschwellendes Echo durch den Raum sprang, immer ohrenbetäubender. Sie wachte auf von dem Geräusch des Presslufthammers vor ihrem Fenster. Die Bauarbeiter hatten ihre Arbeit von gestern wieder aufgenommen.

Sie vergaß den Traum. Er fiel ihr erst am Tag darauf wieder ein, während R neben ihr auf dem Bett lag. Er lag mit dem Gesicht zur Wand. Sie stand vor dem Schlafzimmerspiegel und sah zu ihm hin. Da war die Erinnerung an den Traum ganz plötzlich und jäh wieder da. Instinktiv hielt sie sich die Ohren zu und fast hätte sie geschrieen. Aber R rührte sich nicht, und auch der Presslufthammer war nicht zu hören. Es war Mittag, und die Arbeiter machten gerade ihre Pause.

Und dann weinte sie und konnte nicht mehr aufhören und wusste nicht, was mit ihr los war. Sie rannte aus dem Zimmer, schnappte sich ihren Miranda-Text, warf ihn in ihre Tasche und lief aus dem Haus in Richtung des nächstgelegenen Parks, lief und lief, bis sie dort atemlos ankam, und hielt erst inne vor einer Bank. Sie setzte sich.

Sie rang noch nach Luft, als sie längst den Text auf ihren Knien liegen hatte und ihn anstarrte, ohne ihn zu verstehen. ‚… ich will mir wehtun! und in die Wunde greifen und sie aufreißen wie einen blutenden Mund.’ Sie starrte den Text an, bis sie bemerkte, dass da zwar eine Miranda vor ihr lag, aber nicht die von Shakespeare. In der Eile hatte sie nach dem Weißen Fächer gegriffen. Ihr war auf einmal übel, vielleicht war sie zu schnell gelaufen. Sie musste sich übergeben, schaffte es gerade noch bis zum Gebüsch und war dankbar dafür, dass niemand sie beobachtete. Schließlich saß sie wieder erschöpft auf der Bank und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Nur schnell wieder nach Hause, dachte sie, konnte sich aber nicht bewegen, war plötzlich so schwach. ,An diesen rächt sich das Dasein, so wie es sich immer rächt …’

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Neben ihr stand plötzlich eine alte Frau, sah sie besorgt an. „Sie sind so blass. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Sie schüttelte den Kopf, lächelte die Frau an, hatte noch die Kraft zu sagen: „Das ist nett, danke.“ Dann wurde ihr schwindelig, und sie schloss die Augen. ‚… und erdrückt einen kleinen Vogel oder bricht ein welkes Blatt vom Baum …’ Der Boden zog sich unter ihren Füßen zurück. Sie konnte nichts dagegen tun. Als sie die Augen wieder aufmachte, stand die Frau immer noch da. „Sie sollten nach Hause gehen. Ich begleite Sie ein Stück, wenn Sie wollen.“

Die Frau begleitete sie bis vor ihre Tür, ging dabei selbst am Stock und sehr langsam, aber dieses langsame Tempo war gerade richtig. Die alte Frau fragte nichts mehr, konzentrierte sich auf ihre Schritte und hielt ihren Arm so, als dürfe man sich im Notfall darauf stützen. An der Tür sagte sie: „Jetzt machen Sie aber, dass Sie ins Bett kommen!“ Dann ging sie an ihrem Stock die ganze lange Straße wieder hinunter, die sie zusammen heraufgekommen waren, ohne sich noch einmal umzusehen.

R war nicht mehr da. Sie vermutete ihn in der Bibliothek, war zu müde, darüber nachzudenken, legte sich gleich auf das Bett, den Blick weggewandt vom Schlafzimmerspiegel, und schloss die Augen. Draußen hatte wieder der Lärm angefangen. ‘Du machst dich schuldig, auf eine geheime Weise schuldig.’ Sie stellte fest, dass sie R vermisste, stellte sich vor, dass er neben ihr läge, griff nach seiner Hand und fand nur das Kissen, das sie festhielt, umklammert wie ein kleines Kind. So schlief sie ein.

„Ich tue dir unrecht.“ R ist nur wiedergekommen, um ihr zu sagen, dass er geht. Er hat sie geweckt und ihr über das Haar gestrichen mit einer fremden Hand. Sie macht die Augen gleich wieder zu. Warum gehorchen die Träume ihr nicht mehr. Warum fangen sie an, ihr weh zu tun. Sie möchte diesen missratenen Traum noch einmal zurückspulen. Es gelingt nicht, er läuft weiter. Sie hört, wie R seine riesige Tasche aus ihrem Schrank holt und alles hineinpackt, was sich von seinen Sachen in ihrer Wohnung angesammelt hat. Sie kneift immer noch die Augen zusammen, konzentriert auf das Zurückspulen des Traums, das nicht funktionieren will. Draußen der Presslufthammer. Ihr wird wieder übel, sie läuft ins Bad und stößt im Flur mit R zusammen, der sie besorgt ansieht. „Was ist mit dir?“ Sie antwortet nicht, wirft die Badezimmertür zu, muss sich wieder übergeben und bleibt lange im Bad auf den Knien vor der Kloschüssel sitzen, wieder schweißüberströmt. Das ist doch nur ein Traum, warum hört er denn nicht auf. Wenn wenigstens jemand da wäre, der sie jetzt an die Hand nehmen, ihr wieder aufhelfen könnte, der sie an R vorbei aus dieser Wohnung führen würde. ,Geh, geh, du wirst erst lernen es liebhaben.’ Sie hörte das Telefon klingeln, und sprang auf, wusch sich in aller Eile das Gesicht.

Es war Felix, ihr Kollege, ihr Ferdinand, der sie fragte, ob sie die eine Passage noch einmal durchsprechen könnten. „Hast du Zeit?“ Ja, ja, sie hatte Zeit. Gleich jetzt hatte sie Zeit. Nur eine Kleinigkeit habe sie noch zu erledigen, aber das sei schnell getan.

R legte ihr ein Foto von ihr hin. „Willst du das wiederhaben, oder kann ich es behalten?“ Auf einmal war alles weg, die Übelkeit, die Schwäche, der Traum. Sie schnappte sich das Foto, riss es in der Mitte durch, warf es in den Papierkorb und stierte ihn dabei unverwandt an. Kein Wort brachte sie heraus, starrte ihn nur an, und es schien ihr, als duckte R sich ein wenig unter ihrem Blick. Schließlich sagte sie: „Kannst du nicht schneller packen? Ich bekomme gleich Besuch.“

Dann ging sie zurück zum Telefon, wählte eine Nummer nach der anderen und erwischte ein oder zwei Freundinnen, die sie lange nicht gesprochen hatte. Sie erzählte ihnen von ihrer neuen Rolle und von ihrem Ferdinand. Sie verabredete sich mit der einen oder anderen und schien jetzt äußerst gut gelaunt, fühlte sich leicht wie lange nicht mehr und frei wie in der allerersten Zeit mit R.

R war verärgert. Aber an der Tür trug sie einen Moment lang Wasser in den Augen, weil ihr einfiel, wie R zum ersten Mal durch diese Tür hereingekommen war. Da hatte er auf einmal viele Sätze für sie, mehr als er je gehabt hatte. Dass es ihm Leid tue und mindestens genauso schwer falle wie ihr, aber er könne nun einmal nichts daran ändern, das sei alles.

Ihr verging das Wasser gleich wieder, und am liebsten hätte sie ihn hinausgeschoben. Als er endlich weg war und die Tür hinter ihm zu, machte sie drei Kreuze, lief zum Spiegel, zupfte sich zurecht, schminkte nach, wo die Schminke gelitten hatte, und setzte Teewasser auf. Jetzt wartete sie auf Felix, hatte schon ihren Text zur Hand und war ganz vergnügt.

Der Abend mit Felix war ausgelassen. Sie hatte lange nicht mehr so intensiv gearbeitet und so viel dabei gelacht. Nur erwähnte sie irgendwann ihre Übelkeit. Vielleicht hätte sie das besser nicht getan. Felix sah sie besorgt an. „Bist du vielleicht schwanger?“ Sie zuckte zusammen. „Nein, nein. Ganz ausgeschlossen.“ Schwanger? Wieder verschwamm ihr die Grenze zu ihren Träumen. Ihr war plötzlich kalt, und sie zitterte leicht. Felix bemerkte es und nahm sie in den Arm. Sie beruhigte sich und entschlüpfte ihm. Es war nur, dass ihr alles außer Kontrolle geriet und sie nichts mehr verstand. Sie fand sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht. Das erklärte sie Felix und hatte dabei wieder ganz strahlende Augen und die Kraft von vorhin.

Als sie abends im Bett lag, konnte sie lange nicht schlafen. Das ging auch die nächsten Nächte so. Bis sie in einer Nacht schließlich aufstand und Felix anrief. Sie entschuldigte sich umständlich für die Uhrzeit und fragte ihn dann, ob er das ernst gemeint habe. Ob die Übelkeit vielleicht tatsächlich mit einer Schwangerschaft zusammenhängen könne. Felix war Vater von einem kleinen Sohn, und seine Frau war gerade zum zweiten Mal schwanger, er musste also Bescheid wissen.

„Willst du nicht einen Test machen?“

„Nein, nein, bitte nicht!“ hörte sie sich sagen und weinte schon wieder plötzlich und hemmungslos. Sie wusste nicht so genau, warum sie das jetzt gesagt hatte, und setzte hinzu, dass sie einfach nicht mehr weiterwisse. „Soll ich vorbeikommen?“ „Nein, ist schon gut. Ich werde ihn morgen machen, diesen Test.“ Sie ging wieder ins Bett und lag noch lange wach.

Sie war tatsächlich schwanger. Eine Woche später wusste sie es sicher. Sie weinte jetzt ununterbrochen, hatte angefangen, R heftig zu vermissen, hatte aufgehört, sich dagegen zu wehren, und wollte um so weniger, dass er etwas davon erfuhr. Als sie einmal der Julia begegnete, war sie zum Glück gerade mit Felix unterwegs und lachte ausnahmsweise aus ganzer Seele. „Komm doch mal wieder vorbei.“ Wusste die Julia irgendetwas, oder bildete sie sich nur ein, dass sie verwundert schien über ihre gute Laune.

„Keine Zeit im Moment. Ich arbeite.“ Sie ließ die Julia stehen, hakte sich bei Felix unter und musste hinter der nächsten Straßenecke schon wieder hemmungslos weinen. „Felix, ich will das Kind nicht. Es ist eine Unmöglichkeit. Verstehst du das? Ich ertrage es nicht.“

Einmal saß sie bei Felix und seiner Frau in der Küche. Die beiden hatten aufgehört, sie überzeugen zu wollen, dass sie das Kind behalten müsse um jeden Preis, weil das Kind doch viel mehr sei als nur ein Vermächtnis. Sie hatte gar nicht zugehört. Lange schon hatte sie nur noch da gesessen, ganz still, und nichts mehr gehört. Irgendwann stellte Felix’ Frau sich neben sie und strich ihr über den Arm. „Wenn du willst, komme ich mit. Kennst du einen Arzt?“ Sie schüttelte den Kopf, und Felix’ Frau holte das Telefonbuch.

Es war die Entscheidung eines winzigen Moments. Sie hätte auch anders ausfallen können, wenn sie nicht an diesem Namen hängen geblieben wäre und nicht plötzlich wieder die Wut da gewesen wäre und ihr Lachen. Sie spürte wieder diese Kraft und diese Leichtigkeit und hatte schon den Finger unter den Namen gelegt, hatte schon einen Stift in ihrer Tasche gefunden und ihren Kalender aufgeschlagen. „Hier. Den kenne ich. Der ist gut. – Und du brauchst nicht mitzukommen. Das ist sehr nett von dir, aber ich glaube, ich gehe lieber alleine.“ Felix’ Frau strich ihr noch einmal über den Arm. „Wenn du mich doch brauchen solltest, ruf mich jederzeit an.“

Aber sie brauchte Felix’ Frau tatsächlich nicht. Es war ganz leicht den Termin zu machen. Und ein paar Tage später saß sie schon im Wartezimmer und konnte an nichts anderes denken als daran, wie er wohl aussah. Ob er auch dunkle Haare hatte, ob er klein oder groß war und wie alt. Als er schließlich vor ihr stand, war sie enttäuscht. Er hatte eins von den Gesichtern, die man sofort vergisst. „Weshalb kommen Sie zu mir?“

Sie hatte ihn unverwandt angestarrt, bisher aber noch nichts gesagt. Er schien ungeduldig zu werden, setzte sich schon zum zweiten Mal in seinem Stuhl zurecht. Schließlich musste sie gesprochen haben, denn er war aufgesprungen. „Das mache ich nicht. Gehen Sie! Ich mache keine Abtreibungen. Da sind Sie an der falschen Adresse.“

Nie hatte sie etwas so bestimmt gewollt. Sie hatte daher vorher gar nicht darüber nachgedacht, dass er ablehnen könnte. „Aber ich will es, und Sie müssen das verstehen. Ich zahle Ihnen alles dafür …“ Und weil er schwieg und keine Miene bewegte, konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Mit ihren Tränen brach jäh ein Schweigen aus. Etwas geriet ins Stocken. „Verzeihen Sie …“

Sie weinte nicht lange, fasste sich wieder, nahm wortlos ihre Tasche und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Er hatte es nicht verstanden. Sie hatte es ausmerzen wollen. Ausmerzen, das war es. Sie hatte sich erhofft, dass er ihr dabei helfen würde. Warum sie sich das von einem Mann erhofft hatte, den sie persönlich nie kennen gelernt hatte, wusste sie nicht. Sie hatte die ganze Zeit über daran denken müssen, dass er Prokofjew über alles liebte. Das hatte R ihr erzählt.

Jetzt stand sie auf der Straße und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, es gab plötzlich keinen Weg mehr. Ihr Bauch war ihr zur unerträglichen Last geworden, und sie merkte an dem Blick eines Passanten, dass sie wieder weinte. Sie entschied sich wahllos für eine Richtung und lief lange mit ihrer Last durch die Straßen.

Die nächsten Tage verbrachte sie im Bett, schlief oder starrte gegen die Decke, ging nicht ans Telefon, aß nichts. Den ersten Tag über dachte sie noch daran, das Kind anderswo loszuwerden und Felix und seine Frau anzurufen, aber sie fühlte sich zu schwach, um den weiten Weg bis zum Telefon zu finden. Am zweiten Tag überlegte sie, was passieren würde, wenn sie einfach immer so liegen bliebe, ohne sich je wieder zu rühren, das Gesicht weggewandt vom Spiegel. Am dritten Tag hörte sie auf zu denken, und am vierten machte sie erste Anstalten, in einen normalen Alltag zurückzukehren.

Sie hatte sich nicht für das Kind entschieden, sie hatte die Entscheidung hinausgeschoben. So weit hinaus, dass es zu spät sein würde sich noch einmal umzuentscheiden. Sie versuchte das zu ignorieren. Aber das Kind fing an, mit ihr in dieser Sprache zu sprechen, die es auch in ihrem Traum mit ihr gesprochen hatte. Sie hielt sich die Ohren zu. Nur machte das keinen Sinn, weil die Stimme innen war.

Einmal ertappte sie sich dabei, wie sie neben dem Telefon saß, als wartete sie auf etwas. Sie blieb lange einfach so dasitzen, rührte sich nicht und schlief schließlich ein. Als sie aufwachte, lag sie neben dem Telefon mit der Hand auf ihrem Bauch, und sie erschrak, weil sie sich an der kleinen Wölbung festgehalten hatte, die dort jetzt war.

Von da an ertappte sie sich immer öfter mit der Hand am Bauch. Sie ertappte sich dabei, wie sie über die Wölbung strich oder wie sie sich der Stimme von innen für einen Moment hingab, ihr sogar antwortete. Schließlich ging es so weit, dass sie anfing zu singen, wenn sie alleine war, oder Geschichten zu erzählen, als sei noch jemand im Raum. Es kam vor, dass sie Verabredungen und Einladungen darüber vergaß.

Einmal traf sie die Julia. Da war sie gerade vor einer Auslage im Schaufenster eines Kinderbekleidungsgeschäfts stehen geblieben. Die Julia hatte zum Glück nichts bemerkt, war zu beschäftigt damit, sie zu überschütten mit Neuigkeiten. „Meine letzte Julia ist ein so großer Erfolg mittlerweile – hast du schon gehört? Es wird zusätzliche Vorstellungen geben. Das Publikum liebt mich! Und ich komme gar nicht mehr dazu, meine eigenen Partys zu machen, weil ich dauernd woanders eingeladen bin …“ Die Julia hörte gar nicht mehr auf zu reden, sah übernächtigt aus, und ihr Lächeln hatte gelitten unter ihrem Erfolg. Während die Julia redete, fragte sie sich, wie das ging, dass eine Erfolg haben konnte mit einem Lächeln, das daran verloren ging, und trotzdem blühte der Erfolg weiter. Sie war weitergegangen, hatte, ohne es zu bemerken, die Julia stehen lassen. Das Kind hatte angefangen mit ihr zu sprechen. Mittlerweile verstummte für sie alles andere, sobald das Kind anfing mit ihr zu sprechen in dieser fremden und einfachen Sprache ohne Klang.

Sie hatte einmal Felix’ Frau danach gefragt. Die hatte gelacht und gesagt, nein, das hätte sie so nicht erlebt, aber sie sei auch nie so empfindlich gewesen in ihrer Wahrnehmung. Die Proben waren ein Traum, aber sie geriet nicht außer sich darüber, freute sich ganz einfach und machte weiter.

Ihr war das Foto, das sie vor Rs Augen zerrissen und in den Papierkorb geworfen hatte, wieder in die Hände gefallen. Sie hatte den Papierkorb im Vorbeigehen umgestoßen, und da lag zwischen anderen Papieren die eine Hälfte vor ihren Füßen. Sie suchte nach der anderen Hälfte und machte sich daran, das Foto wieder zusammenzukleben. Es gelang, aber der Riss blieb sichtbar, und das Lachen auf dem Foto hatte jetzt einen Knick. Ihr gefiel es besser so. Mit dem feinen Knick sah das Lachen verwundert aus.

Eines Nachts wachte sie auf mit Schmerzen. Sie rief Felix an und seine Frau, die sofort bei ihr vorbeikamen. Da hatte sie das Kind schon verloren.

Erst Monate später traf sie R wieder. Sie wunderte sich selbst, dass sie ihm nicht früher schon begegnet war. Und sie wunderte sich, dass sie irgendwann aufgehört hatte, das festzustellen. Jetzt war es schon so lange her, dass sie zum letzten Mal daran gedacht hatte. Er hielt ihr ein paar Worte hin, unsicher. Sie nahm sie und gab andere zurück, die sich beliebig einfanden, während sie mit den Gedanken anderswo war. Er erwähnte die Julia und grinste unsicher dabei, halb glücklich, halb schuldig und gar nicht geheimnisvoll. Es berührte sie nicht. Während ihr Mund weiter Worte formte, folgte sie einer dumpfen Erinnerung an eine andere Sprache, die sie eine Zeitlang gesprochen hatte und die alle übrigen Sprachen daneben so unbeholfen erscheinen ließ. Sie fragte R nach der Prüfung. „Nicht bestanden.“ Auch seine Antwort war ein hilfloser Satz. Er geisterte ihr noch eine Weile im Kopf herum: „Nicht bestanden.“

Schließlich ging sie, und schon im gleichen Moment wusste sie nicht mehr, ob sie sich tatsächlich mit R unterhalten hatte oder nicht. Sie spürte, dass er sich noch einmal nach ihr umsah, aber sie ließ seinen Blick an ihrem Rücken abgleiten, zu müde, um sich selbst noch einmal zurückzuwenden. ‚Worte, eine Begegnung am Kreuzweg, drei durcheinandergehende Erinnerungen, ein Traum …’ Es regte sich nichts mehr. Fast nichts.

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Hätte ich Hände

Auszug aus Hätte ich Hände

beerenverlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN: 3-929198-398

Musik

 Lele hatte das Kind an. Sie trug es wie ein Kleid. Durch die Straße. Sie lehnte sich in die Blicke der Passanten. Lele mit ihrem schönen Kind. Das schöne Kind an Lele.

Lele nannte das Kind Kind. Vielleicht hatte sie seinen Namen vergessen, vielleicht vergaß sie ihn immer nur für den Moment, in dem es darauf ankam, das Kind beim Namen zu nennen. „Kind. Wir gehen jetzt einkaufen.“ Sie zog sich das Kind an und ging durch die Straße und die Blicke der Passanten.

Las lag noch im Bett und schlief, wenn sie das Kind nahm und ging. Vielleicht würde er wach sein, wenn sie zurückkam mit einer Tüte am Arm, neben das Kind gehängt, mit einem Beutel am anderen Arm, aus dem oben der Lauch herausstand.

Wenn Lele einkaufen gegangen war, schlief Las anders, als wenn sie noch neben ihm lag. Er floss dann in die Laken hinein, vergoss sich über das Bett, schwamm bis an die Ränder. Vielleicht wäre er ganz verschwunden, wenn Lele sich das Kind nicht für die Blicke der Passanten und zum Einkaufen angezogen hätte. Lele wusste nichts von seiner Angst verlassen zu werden. Lele verließ ihn nicht. Wenn Las in seinem letzten Traum an die Bettkante stieß, fiel die Tür schon wieder ins Schloss.

Lele kam jedesmal zurück mit einem dünnen Lied. Sie stellte Wasser in einem Topf auf die Flamme des Gasherds, drehte sich um zu dem Kind, das sie abgestellt hatte zwischen den Einkäufen auf dem Tisch. Sie strich sich das Haar aus der Stirn und sammelte den Blick aus der Weite ein. Wie sie das immer tat- Das Kind wartete auf ihre müden Augen, damit es sich einhaken konnte. Das Kind war geduldig. Wenn es Leles Blick gefasst hatte, lächelte es. Dann sagte Lele „Kind. Geh deinen Vater wecken.“ Das Kind konnte mit seinen kleinen Beinen nicht allein vom Tisch herunter. Darum stellte Lele es auf den Boden und holte mit dem nächsten Griff das Gemüse aus den Taschen. Die Uhr über dem Tisch zeigte oft 2, wenn Lele nach dem Gemüse griff. Sie sang dünn und leise weiter, wo sie vorher aufgehört hatte. An der abgerissenen Note griff sie das Lied wieder auf und wusch dabei das Gemüse, schnitt es klein.

Das Kind stand im Türrahmen und sah dem Wasser zu, das aus dem Hahn lief. Es legte den Kopf auf das Stuhlkissen und versuchte Lele nachzusingen. Lele schnitt Zwiebeln in die Pfanne, legte Öl dazu, warf Salz in das Wasser im Topf, wusch sich die Hände und strich sich das Haar aus der Stirn, um den Blick wieder sammeln zu können. „Kind. Ist dein Vater wach?“ Das Kind nickte stolz.

Las war unter seiner Haut zusammengeflossen. Er blinzelte aus dem Fenster, griff nach dem T-Shirt neben dem Bett, ging übergangslos aus dem Laken in das T-Shirt hinein. Er stand noch nicht und hatte schon Hose und Socken an, den Pullover in der Hand. Die Zwiebeln aus der Küche lagen ihm in der Nase und er hörte das Wasser aus dem Hahn, mit dem Lele sich die Hände wusch. Das Wasser lief ihm durch die Augen und er wurde wach im Blick. Bevor er sich das Fenster in den  Rücken drehte, machte er Musik an im Zimmer. Er hatte das Kind gehört und spielte ihm Noten zu durch die Tür zur Küche hin.

Las stand neben dem Kind, die Hand streichend in dem kleinen Nacken, der sich in das Stuhlkissen drückte. Die Zwiebeln verteilten sich durch den Raum und Lele war stumm geworden hinter ihrem Rücken. Im Wasser kochten die Nudeln.

Lele nannte das Kind Kind. Las nannte es Lelo. Vielleicht hatte auch er den Namen des Kindes vergessen. „Wie geht es dir, Lelo.“ Das Kind sah durch seinen Nacken hindurch auf die streichende Hand. Es wusste, dass es nicht zu antworten brauchte, weil das keine Frage war.

Las hatte sich auf die Bank gesetzt. Leles Rücken rührte. Dann lief wieder das Wasser, Leles Hand strich Haare aus der Stirn, und mit dem mühsam eingefangenen Blick drehte sie sich um. In ihrem Rücken kochten jetzt die Nudeln unter dem Wasserschaum.

Lele schob Tüte und Beutel an den Tischrand, die schlaff zur Seite kippten. Dann beugte sie sich über die glattstumpfe Fläche und küsste Las aufs Auge. Als hätte sie den Mund so schnell nicht gefunden. Las hielt still. „Lelo, machst du die Musik lauter?“ Das Kind hob den Kopf aus dem Kissen und machte nebenan die Musik lauter. „Wie Wasser ist die Musik.“ Lele schwieg und saß neben Las und seinem linken Auge, das feucht war und wach. Sie hatte seine Hand in ihrer, ließ sich die kalten Finger über den Handrücken schwimmen.

„Nach dem Essen muss ich arbeiten. Heute wird es nicht so spät. Stell das Kind bei meiner Mutter ab, wenn du vorbeikommst. Suchst du dir heute eine Arbeit.“ Wenn die Uhr etwa 20 nach 2 zeigte, sagte Lele diese Sätze, als wären sie jetzt fällig. Und als wären sie jedes Mal neu. Zu den ersten Sätzen nickte Las. Zu dem letzten brauchte er nichts zu sagen.

Lele stand nach den Sätzen auf und rührte wieder in der Pfanne. Das Kind krabbelte zu Las, und Las strich über seinen Nacken mit den Fingern, die sich von ihm lösten und beim Streichen zerrannen.

Wenn die Zwiebeln auch nach Gemüse rochen, drehte Lele das Feuer unter den Nudeln ab und goss sie in ein Sieb. Las griff in den Schrank neben der Bank nach den drei Tellern und gab dem Kind den kleinsten. Dann griff Las in die Schublade über seinen Knien und legte die Gabeln neben die Teller. Für das Kind die kleinste. Lele brachte das Brett, auf dem sie die dampfende Pfanne abstellte. Dann wusch sie sich die Hände und rutschte zu Las, bis sie wie zufällig an ihn stieß. Das Kind schob den Teller zum Dampf hin, und während Lele die Teller füllte und die Pfanne leerte und den Dampf verteilte, sagte Las. „Diese Musik ist wie Wasser.“